Matei Vișniec im Gespräch

 mit Irina Wolf

 (19. November 2018)

 

Mein Theater ist aus dem Bedürfnis nach Sakralität entstandenˮ

 

Matei Vişniec studierte Geschichte und Philosophie and der Universität Bukarest. Während der kommunistischen Ceauşescu-Diktatur flüchtete er von Rumänien nach Frankreich. Er lebt seit 1987 als Theater- und Romanautor in Paris und arbeitet auch als Journalist für Radio France Internationale. Vişniec schrieb über 40 Theaterstücke, die bisher in 30 Ländern aufgeführt wurden. Er ist auch einer der gefragtesten Autoren des berühmten Festivals de Théâtre d'Avignon. In Rumänien ist Matei Visniec seit dem politischen Umsturz einer der meistgespielten Theaterautoren.

 

Irina Wolf: Sie sind der meistgespielte zeitgenössische rumänische Dramatiker. Wie haben Sie begonnen Theaterstücke zu schreiben?

 

Matei Vișniec: Wie viele andere Jugendliche im Rumänien der 70er Jahre hat mich zuerst die Dichtkunst gereizt. Damals war Lyrik eine Art intellektuelle Flucht, eine geheime Sprache, ein Ausweg, um dem ideologischen Druck zu entkommen.

 

Das Theater habe ich durch das Lesen von Stücken, nicht durch Aufführungen, entdeckt. Ich schätzte schlichtweg die sogenannte dramatische literarische Gattung. Schon im Gymnasium spürte ich eine Vorliebe für Dürrenmatt, Pirandello, Beckett, Ionesco... Es machte mir großen Spaß, auch das an Dialogen reiche Kurzdrama des rumänischen Klassikers Ion Luca Caragiale zu lesen. Von diesem Schriftsteller, der Ende des 19. Jahrhunderts die rumänische Literatur prägte, habe ich die Relevanz der Repliken im Drama gelernt, was es bedeutet, durch einfache Dialoge, ein Bild, eine Stimmung und eine dramatische Situation zu schaffen.

Ich bin in Nordrumänien geboren, in einer kleinen Stadt, in der selten gute Theateraufführungen stattfanden. Jedoch kam jährlich der Zirkus in die Stadt! Wann immer Zirkuskünstler mit ihren Wohnwagen, ihren Tieren, ihren Clowns und ihrer Musik eintrafen, erlebte die Stadt eine vollkommene Veränderung. Es passierte etwas Magisches, es gab eine Fülle von fantasievollen und ungewohnten Ereignissen. So habe ich gelernt, dass der Künstler ein professioneller Störfaktor des Alltäglichen, der Normalität, ist...

Desweiteren führten Feierlichkeiten, die in den Dörfern rund um meine Heimatstadt stattfanden dazu, dass ich Theaterstücke zu schreiben begann. Hochzeiten, Taufen, Begräbnisse und Winterfeste waren allesamt überraschende Ereignisse, bei denen die Menschen plötzlich aus dem Alltag ausbrachen und zu Charakteren wurden. Rituale wurden vom Vater auf den Sohn übertragen. Diese sakralen Momente waren ebenfalls eine Quelle der Inspiration. Im Übrigen ist mein Theater aus dem Bedürfnis nach Sakralität entstanden.

 

IW: Sie gaben Ihr Debütˮ vor 26 Jahren beim Avignon Festival. 2018 wurden mehrere Stücke von Ihnen im OFF präsentiert. Welche waren diese und wie wurden sie angenommen?

 

Matei Vișniec: Als ich mich 1987 in Frankreich niederließ, erlebte ich eine große Öffnung. Ich fing an, Theater auf Französisch zu schreiben. Dabei entdeckte ich eine Fülle von Theatergruppen, die auf der Suche nach neuen Stücken waren. Im Vergleich zu Rumänien, wo ich in den kommunistischen Jahren ein zensierter Autor war, bedeutete das eine vollkommene Veränderung. Als ich 1990 das Avignon Festival entdeckte, hatte ich eine Offenbarung. Hunderte von Theatergruppen standen im Wettbewerb miteinander, eine ganze Stadt wurde zur Weltszene... Seit 1992 werden jährlich Stücke von mir beim Festival gezeigt, manchmal zwei oder drei... In diesem Jahr waren es sechs verschiedene Inszenierungen, ein echter Rekord. Eines dieser Stücke heißt Clown gesucht. Es ist ein Text, der 1986 in Rumänien entstanden ist. In den letzten dreißig Jahren wurde er in vielen Ländern gespielt. Es ist einer meiner meistgespielten Texte, mit dem ich weltweit gereist bin. Ein anderes Stück, das heuer in Avignon auf dem Programm stand, basiert auf einer Textsammlung und trägt den Titel Wortkabarett. Es handelt sich um kurze Texte, in denen die Wörter... für sich sprechen. Oder besser gesagt, die Wörter erzählen über sich selbst, manchmal machen sie ihre eigene Psychoanalyse. Ich habe diese Texte als philosophische Fabeln über die Sprache geschrieben. Wörter sind manchmal wie Eisberge, wir kennen sie nur oberflächlich, wir sehenˮ nur einen Teil von ihnen (nur die Spitze), während der Rest (ihre Geschichte, ihre aufeinanderfolgenden Veränderungen) geheime Märchen ausmachen.

 

IW: Sie haben unter anderem Stücke über den Kommunismus geschrieben, über den Konflikt im ehemaligen Jugoslawien, über Europa und die Probleme unseres Kontinents. Ich denke vor allem an Occident Express und Hotel Europa. Wie wählen Sie die Themen aus?

 

Matei Vișniec: Ich wurde oft von Theatergruppen, die mit mir zusammenarbeiten wollten, ermutigt, bestimmte Themen anzusprechen. Manchmal ließ ich mich auch von meiner journalistischen Arbeit inspirieren ich arbeite seit 1990 als Journalist bei Radio France Internationale in Paris. Als der Krieg in Bosnien zu Ende ging, schrieb ich 1996 ein Stück über die im Zusammenhang mit diesem Konflikt vergewaltigten Frauen. Das Thema beschäftigte mich lange Zeit. Irgendwann erzählte ich davon einem Pariser Theaterregisseur, der mir sagte: Schreibe schnell das Stück, damit ich es sofort inszeniereˮ. Mit diesem Ansporn ging es blitzschnell. Der Text war in drei Wochen fertig.

Theater ist ein Abenteuer aus menschlichen Begegnungen. Ich habe einmal drei Stücke auf Anfrage der japanischen Gruppe Kaze Theaterˮ aus Tokyo geschrieben. Die Schauspieler und ihr Regisseur fanden sich in meinem Universum wieder, in meiner metaphorischen und manchmal traumartigen Weise, mit dramatischen Situationen umzugehen. Für dieses Theater schrieb ich zum Beispiel ein Stück über Jeanne d'Arc und ein anderes über Hekabe.

 

IW: Sie sind Dramatiker, außerdem Dichter und Schriftsteller, und auch Journalist bei Radio France Internationale. Wie hat diese Tätigkeit Ihre Arbeit als Dramatiker beeinflusst, zum Beispiel in dem Stück Migraaanten oder Wir sind zu viele auf diesem verdammten Boot?

 

Matei Vișniec: Viele Informationen, die ich in das Stück hineingebracht habe, entspringen den Kurzinformationen, die ich bei Radio France Internationale erhalte, aber auch von der europäischen Presse. Andere Geschichten stammen von meinen Reisen in Ländern wie Italien, Griechenland, der Türkei, Tunesien, dem Iran... Der Journalist Matei Vișniec liefert dem Schriftsteller Matei Vișniec häufig Themen. Mit anderen Worten ist der Journalist in mir frustriert von der Tatsache, dass die Dramen dieser Welt ohne Lösungen bleiben, und schlägt daher dem Schriftsteller vor, diese Themen aufzugreifen und sie mit den Mitteln der Literatur, der Dichtung, des Theaters weiterzuführen. Wenn es um so ein großes und dramatisches Thema wie die Migration geht, müssen sich die Künstler mobilisieren. Einerseits, um das Thema gründlich zu verstehen, andererseits um die öffentliche Meinung für die heutigen Dramen der Menschheit zu sensibilisieren. Migration ist ein dauerhaftes Phänomen, und vielleicht hat der dramatischste und widersprüchlichste Prozess noch gar nicht begonnen. Europa steht vor einem großen moralischen Dilemma. Das Theater ist im antiken Griechenland entstanden, gerade weil es ein Ort ist, an dem über Dilemmas debattiert wird. Ich würde sogar sagen, dass die Aufgabe des Theaters nicht diejenige ist, sich mit „Problemenˮ zu beschäftigen. Weil für Probleme Lösungen gefunden werden. Dilemmas haben von Natur aus keine Lösung und verursachen immer Bestürzung und Emotion.

 

IW: Viele Ihrer Stücke sind dem absurden Theater ähnlich. Sie sind poetisch und verwenden eine allegorische, metaphorische Sprache. Migraaanten schockiert durch seinen Realismus. Besonders die Organspendergeschichte ist eine schwere Kost. Wie ist diese Idee entstanden?

 

Matei Vișniec: In diesem Stück gibt es wenig Fiktion. Die meisten Szenen basieren auf echten Tatsachen, die entweder von der Presse, von Zeitzeugen oder von Reportern berichtet wurden. Diese waren vor Ort, um zu sehen, was mit einem jungen Mann passiert, der zum Beispiel den Sudan verlässt, mehrere Länder durchquert, um in die Türkei oder nach Libyen zu kommen und dort in unmenschlichen Lebensverhältnissen warten muss, um eventuell Europa zu erreichen. Ich gebe zu, Realität ist manchmal schrecklicher als unsere Vorstellungskraft.

 

IW: Sie haben sich 1987 in Frankreich niedergelassen und um Asyl angesucht. Betrachten Sie sich als Migrantenˮ?

 

Matei Vișniec: Ich war tatsächlich ein politischer Flüchtling. Ich verließ Rumänien 1987 mit der Überzeugung, dass der Kommunismus in Osteuropa noch weitere Jahrzehnte bestehen würde. Die Geschichte hat jedoch eine fabelhafte Beschleunigung herbeigeführt. 1989 begannen die kommunistischen Regimes in Osteuropa wie ein Kartenhaus zusammenzufallen. Ich war gewissermaßen ein Migrant, aber innerhalb Europas. Als ich in Paris ankam, hatte ich keinen kulturellen Schock, im Gegenteil, ich fühlte mich wie zu Hause. Ich hatte die französische Kultur im Blut. Durch Filme und Bücher wusste ich unermesslich viel über Frankreich. Ich hatte nie das Gefühl, das wahrscheinlich Tausende von Afrikanern oder Migranten aus der arabischen Welt haben, wenn sie nach Europa kommen. Dass sie unseren Kontinent von Grund auf entschlüsseln, manchmal schmerzhafte Entscheidungen treffen und tief verwurzelte Auffassungen aufgeben müssen. Im Vergleich zu den heutigen Migranten war ich gewissermaßen ein glücklicher Migrant.

 

IW: Ihr Schicksal pendeltˮ zwischen Frankreich und Rumänien. Wie beeinflusst dies Ihre Schreibtätigkeit?

 

Matei Vișniec: Nach dem Fall des Kommunismus entdeckte ich eine neue Berufung: Brücken zwischen Frankreich und Rumänien zu bauen. Ich bin oft zu verschiedenen Theaterfestivals nach Rumänien mit französischen Theatergruppen gereist. Ich habe Gruppen aus Rumänien nach Frankreich vermittelt. Seit 1987 schreibe ich Theaterstücke auf Französisch und übertrage sie dann ins Rumänische. Romane und Gedichte schreibe ich in rumänischer Sprache... Ich habe doppelte Staatsbürgerschaft, die Französische und die Rumänische, und gebe zu, dass ich mich sehr wohl fühle, diese doppelte Identität zu haben: eine von Geburt aus, die andere erworben. Meine Stücke kursieren viel in der französischen Theaterszene. Ich hatte die Gelegenheit, mehr als 30 Stücke auf Französisch zu veröffentlichen... Frankreich ist ein wunderbarer Platz, um Theater zu machen. Der Intermittent[i]-Status, den Frankreich geschaffen hat, hätte, meiner Meinung nach, zu einem Modell in ganz Europa werden sollen... Ich betrachte mich als nüchterner Schriftsteller, der von einigen Hauptthemen besessen ist: den Widersprüchen des menschlichen Wesens, der Manipulation durch Ideologie, den Beziehungen zwischen Individuum und Macht. Durch mein Leben zwischen zwei Welten hatte ich die Möglichkeit, diese Themen zu vertiefen und zum Beispiel zu sehen, wie Gehirnwäsche im Westen funktioniert, nachdem ich dergleichen in der kommunistischen Welt erlebt hatte.

 

IW: Sie haben zahlreiche Romane veröffentlicht. Nach Pantoffelartige Liebe, regenschirmartige Liebe jetzt Die letzten Tage des Westens. Warum dieser pessimistische Titel?

 

Matei Vișniec: Der Titel ist eine Anspielung auf die vielen Bücher über den sogenannten Niedergang des Westens, die seit über hundert Jahren geschrieben werden, seit Oswald Spengler. Aber der Westen kollabiert nicht, im Gegenteil, auf die eine oder andere Weise erfuhr er eine globale Verbreitung. Er hat sich über den gesamten Planeten ausgebreitet, hat sein Wirtschaftsmodell überall eingeführt und zum Teil auch seinen Lebensstil. Mein Buch ist eine Sammlung von Kurzgeschichten über diese Themen, über die Faszination der Menschen für den Westen, aber auch über einige selbstmordartige Tendenzen. Fachleute sagen, dass die derzeitigen Produktions- und Verbrauchsmuster Ende dieses Jahrhunderts explodieren werden. Jemand muss den Ton einer Änderung dieses Konsumstils angeben. Wird der Westen diese Rolle weiterhin spielen können, nachdem er alle Exzesse angeregt hat? Diese Themen spreche ich in meinem Buch in einer literarischen Form an, die sich auf die philosophische Fabel bezieht.

 

IW: Ihr neues Stück Über Zärtlichkeit wird derzeit in Bukarest am Theater der rumänischen Dramatiker gespielt. Wie ist dieser Text entstanden? Glauben Sie, dass es noch Platz für Zärtlichkeit in dieser Welt gibt?

 

Matei Vișniec: Ich bin fest davon überzeugt, dass Zärtlichkeit eine Erlösung sein kann. In einer zunehmend brutalen Welt sind Zärtlichkeit und Poesie echte, individuelle und kollektive Zufluchtsorte. Die Inszenierung von Felix Alexa basiert auf mehreren Theatermodulen, auf mehreren unabhängigen Sequenzen, die jedoch einen gemeinsamen Nenner haben: der Drang nach Zärtlichkeit. Die Produktion wird besonders von Jugendlichen geschätzt. Zärtlichkeit kann Wunder bewirken.



[i]Der Intermittent-Status bietet vielen Schauspielern und Fachleuten auf dem Gebiet der darstellenden Kunst (die intermittierend, das heißt mit Unterbrechungen arbeiten) soziale Sicherheit und Arbeitslosengeld, wenn sie keine Projekte haben. Es gibt mehr als 250.000 Personen, die als intermittierende Performer arbeiten (Schauspieler, Regisseure, Bühnenbildner, Techniker, usw.). Wenn sie nachweisen, dass sie zehn Monate lang für 507 Stunden einen Lohn erhalten haben, bekommen sie acht Monate lang einen Arbeitslosenbonus.


(c) Apollonia Bitzan
(c) Apollonia Bitzan

Interview mit Martin Gruber, Leiter des aktionstheater ensemble

von Irina Wolf

(11. November 2018)

 

Die Kunst ist dazu da, eine dritte Frage aufzumachenˮ

 

 Martin Gruber studierte Schauspiel und gründete 1989 das aktionstheater ensemble. Nach dem Heidelberger Theaterpreis 2014 folgte 2015 die Nominierung zum Nestroy-Preis für Pension Europa. 2016 nahm dann Martin Gruber den Nestroy-Preis für die Arbeit Kein Stück für Syrien entgegen. Inzwischen wird die Wiener Fangemeinde der preisgekrönten österreichischen Theatergruppe immer größer. In unserem Gespräch erzählt er über das Konzept seiner Arbeiten, den Vorbereitungen zum 30-jährigen Jubiläum und die Liebe zur anarchischen Kraft des Humors. Dabei lacht er zwischendurch oft und sehr herzlich.

 

Irina Wolf: 2019 feiert das aktionstheater ensemble sein 30-jähriges Jubiläum. Wie kam es dazu, zur Entstehung?

 

Martin Gruber: Ich habe Schauspiel studiert, habe dann das eine oder andere Vorsprechen gemacht, und war nicht entzückt, wie der klassische Theaterbetrieb gelaufen ist. Das war nicht meins. Ich hatte das Gefühl, da geht es oft um irgendwelche organisatorischen Dinge, um welches Stück muss man jetzt machen, um wie das Publikum zu bedienen usw. Damals (1989) war es auch so, dass die Ästhetik nicht unbedingt meins war. Ich wollte ja früher Filmregisseur werden und während der Schauspielschule habe ich mich ins Theater verliebt. Dadurch, dass ich neben der Schauspielschule sehr viele Performances gemacht habe, habe ich danach gesucht, wie funktioniert ein direkter Zugang zum Publikum, was gibt es eigentlich zu erzählen oder was bewegt uns. Ich habe zwar sehr gern gespielt, aber nachdem ich ohnehin immer Regie machen wollte, habe ich mir gedacht, diese Art des „tradiertenˮ Theaters ist nicht unbedingt meins und ich fange gleich selber an. So ist es entstanden. Ich habe ja mit Klassikern begonnen – früher hat man gesagt „gegen den Kamm gebürstetˮ. Da ging es ja um Grundkonflikte. Die Grundkonflikte haben mich interessiert, aber ich habe versucht eine neue Theaterästhetik oder eine neue Erzählweise zu finden, die damit zu tun hat, was ich bei den Performances erfahren habe, eben etwas sehr Direktes.

 

IW: Wenn es um Ästhetik geht, merkt man, dass sich in Ihren Arbeiten mehrere theatralische Mittel zu einem originellen, schönen Ganzen zusammenfügen: minimales Bühnenbild, passende Musik, gut einstudierte Choreografie, assoziative Videoprojektionen. Und natürlich Text. Man könnte von einem „aktionstheater-ensemble-Markenzeichen“ sprechen. Wie ist dieses Konzept entstanden?

 

Martin Gruber: Mir ging es darum, kein Hörspiel auf Stelzen zu machen. Also nicht einfach Inhalte zu bebildern, sondern so zu arbeiten, dass ein non-verbales Mittel letztlich genau so viel aussagen kann wie ein verbales Mittel. Es kann sein, dass die Musik übernimmt, da die Musik einen Zustand besser beschreiben kann. Die Musik spielte für mich immer eine wichtige Rolle; ich war auch vom Tanz inspiriert. Für mich war es sehr wichtig, das schon damals gleichwertig zu behandeln. Letztlich geht man aber trotzdem natürlich vom Inhalt aus, man geht vom Text aus. Manche glauben, dass mir die Textarbeit nicht so wichtig ist, aber die ist mir extrem wichtig. Da wird manchmal stundenlang an einem Satz gefeilt. Das ist überhaupt die größte Herausforderung. Aber, dass diese Bedeutungsträger gleichwertig sind, das war mir sehr wichtig.

Auch im realen Leben sagt man ja, dass es nicht nur darum geht, was Sie jetzt zu mir sagen oder was ich zu Ihnen sage. Es geht auch darum, was ist da für eine Stimmung. Im Jargon heißt es „Subtextˮ, also was liegt dahinter. Und das hat mich immer interessiert. Deswegen liegt auch dieser extreme Fokus auf dem Subtext und was man auslösen will. Die Frage war von vornherein: Was wollen wir eigentlich auslösen und nicht so sehr, wie wir das nur gestalten – das ist natürlich wichtig, das ist keine Frage –, aber wie muss man verdichten und was muss man machen, wenn man etwas Bestimmtes auslösen will.

 

IW: Und was wollen Sie auslösen?

 

Martin Gruber: Wenn wir einen bestimmten Inhalt haben, dann geht es darum, diese Thematik im Publikum auszulösen und nicht so sehr es zu „erklärenˮ. Es geht nicht darum, was man jetzt versucht, edukativ zu beschreiben. Nehmen wir zum Beispiel einen politischen Gehalt wie Xenophobie, dann geht es nicht darum, dass ich eine xenophobe Person auf der Bühne stehen sehe – es kann auch darum gehen, aber das ist für mich nicht das Wichtige –, sondern darum, was ist ein probates Mittel, diesen Diskurs im Betrachter und in der Betrachterin auszulösen. Ich gehe in der Arbeit immer von der Evokation aus: Was löst was aus oder, was kann was auslösen? Und das ist im besten Falle etwas, das keine „fertige Messagesˮ liefert – ich mag keine fertigen Messages –, sondern der Diskurs als solches soll gestartet werden. Das ist der Punkt.

Weil jeder Mensch mit seiner ganz individuellen persönlichen Geschichte ins Theater geht. Wie verdichten wir, dass mehrere Geschichten im Betrachter und in der Betrachterin möglich sind? Was ist das Grundproblem und was tut es mit mir? Es muss nicht in erster Linie eine rein kognitive Information sein. Im Theater geht es nicht darum zu sagen, fünf und fünf ist zehn. Die Kunst ist dazu da, eine dritte Frage aufzumachen. Eine dritte Ebene einzuführen, wo wir eine Möglichkeit haben, die Dinge immer wieder neu zu sehen. Vielleicht Ebenen zu erspüren, die wir nicht beschreiben können.

 

IW: Sie haben Xenophobie angesprochen. Es sind ein paar Themen, die Sie in Ihren Arbeiten durchziehen: Rechtsradikalität, Religion. Dabei spielt Politik eine wichtige Rolle. Wie sehen Sie den Bezug zwischen Theater und Politik?

 

Martin Gruber: Das ist eine gute, wichtige und komplexe Frage im Theater. Denn der reine Agitprop, das ist es nicht. Ich tausche den Begriff der zu Ende definierten Moral aus und nehme stattdessen den Begriff der Haltung. Ich gehe davon aus, dass die Künstlerinnen und Künstler ohnehin eine gewisse Haltung haben. Dass sie jetzt nicht auf die rechte Seite tendieren, das wird jetzt keine Überraschung sein. Aber der Punkt ist der, dass es nicht von vornherein geht, diese Dichotomien aufzustellen, sondern, dass man sagt: Wir haben eine bestimmte Haltung, aber wir gehen nicht damit hausieren, was wir für Patentrezepte haben, sondern wir versuchen, diese Haltung transparent zu machen. Durchaus durch Paradoxien. Ich arbeite sehr stark mit Paradoxien.

Es ist eine Binsenweisheit zu sagen, und trotzdem sage ich es: Theater kann nur politisch sein. Und wenn es sich als unpolitisch geriert, ist es auch politisch, nur eben in eine andere Richtung. In Zeiten wie diesen nichts zu sagen, ist allerdings ein Statement. Als politischer Mensch kann ich ja nur reagieren. Was soll ich denn sonst tun? Und das ist das, was wir permanent tun. Da geht es nicht nur um Politik im Sinne der klassischen Parteipolitik. Es geht darum, was sehe ich im Alltag? Wie wirken sich Stimmungen, die politisch hochgeschraubt wurden, auf das Jetzt aus und vor allem auf den Einzelnen und die Einzelne aus? Das ist ja was mich am Theater interessiert. Wenn wir über die Tetralogie sprechen, wie wirkt sich diese Entsolidarisierung auf den Einzelnen und die Einzelne aus? Oder wie kann sich das auswirken? Es geht immer um subjektiven, ganz persönlichen Bezug.

 

IW: Sie haben die Tetralogie Vier Stücke gegen die Einsamkeit angesprochen, die jetzt im November im Werk-X gezeigt wird. Bei den Titeln treffen Sie eine ganz besondere Auswahl.Gegen die Einsamkeitˮ. Wie ist das zu verstehen?

 

Martin Gruber: Na ja, man könnte, wenn man ehrlich ist, auch „über die Einsamkeitˮ sagen. Aber nachdem wir alle uns gemeinsam im Theater treffen und über die Einsamkeit sprechen, sind es dann, hoffentlich in der Conclusio Stücke gegen die Einsamkeit. Weil wir ja gemeinsam uns unsere Einsamkeit bewusst werden. Und das ist die Möglichkeit der kathartischen oder der paradoxen Intervention, diese Lust zu bekommen, nicht einsam zu sein. Das ist im Prinzip ein Grundmittel des aktionstheater ensemble. Man könnte sagen, dass man diesen ganzen rechtspopulistischen Schwachsinn, den wir jetzt momentan erleben, konditioniert und als paradoxe Intervention so lange feiert, bis wir alle zusammen kotzen können, dass dann eine Sehnsucht nach etwas Besserem entstehen kann - ein dionysischer Akt.

 

IW: Die vier Stücke Immersion, wir verschwinden; Ich glaube; Swing, dance to the right und Die wunderbare Zerstörung des Mannes sind Neuaufsetzungen, Neubearbeitungen. Was ist „neuˮ daran?

 

Martin Gruber: Mir geht es jetzt nicht darum zu sagen, ich muss jetzt alles neu machen. Neu allein ist auch noch nicht gut. Diese Stücke haben vom Publikum viele Reaktionen bekommen, aber neu heißt eigentlich, transparent zu machen, wie die Stücke zusammenhängen. Wir verschärfen, auch weil sich, meines Erachtens, die politische Situation verschärft hat.

 

IW: Dass heißt, die Werke verändern sich andauernd?

 

Martin Gruber: Sie verändern sich permanent. Das ist mir auch wichtig. Wiederaufnahmeproben sind keine Wiederholungen. Ich mag keine Wiederholungen. Theater als Wiederholung ist ganz schrecklich. Wenn man sich daran erinnert, wie man es gestern gemacht hat, dann hat man verloren. Es muss aber nicht unbedingt der Text neu sein, es geht immer um den Moment, es geht immer um das Direkte. Es passiert jetzt und das muss bewusst sein. Und da es jetzt passiert, muss ich jetzt den Grund finden, warum ich was sagen will.

 

IW: Um etwas auszulösen.

 

Martin Gruber: Ganz genau. Wenn ich es nicht sagen will, wenn ich nur noch „meine Rolle wiederholeˮ, dann wird das Publikum das spüren. Ich bin hundertprozentig davon überzeugt.

 

IW: Der Text. Sie haben gesagt, manchmal arbeiten Sie an einem Satz stundenlang. Es heißt ja auch in den Programmheften, dass der Text gemeinsam mit dem Ensemble erarbeitet wird. Wer hat aber die zündende Idee?

 

Martin Gruber: Ich habe einen bestimmten Ansatz. Und auf das hin wird besetzt. Welche Konstellation könnte diese Thematik am besten abdecken. Ich gehe ja nicht von Rollen aus, weil es sie gar nicht gibt, sondern ich gehe von Ensembles aus. Das ist die Grundidee. Am Anfang gibt es nicht einmal einen Satz. Und dann fange ich an Fragen zu stellen. Natürlich wissen die Schauspielerinnen und Schauspieler (mit manchen arbeite ich schon sehr lange, mit Susanne Brandt zum Beispiel), jetzt geht es in eine bestimmte Richtung. Aber es geht immer wieder darum, sich neu zu finden. Und deswegen arbeite ich mit Fragen. Die Fragen lenken in eine bestimmte Richtung. Das ist aber nicht manipulativ, weil die Leute ja wissen, in welche Richtung es gehen soll. Es wird thematisiert.

Und dann ist ein Wust an Material, der da entsteht. Es wird alles abgetippt. Manchmal sind es Kilos. Dann nehme ich zum Beispiel zehn oder zwanzig Seiten, die spannend sind, und da machen wir weiter. Dann frage ich wiederum zu diesen Sätzen. Sehr oft diktiere ich während den Proben, ich sage „das kommt reinˮ, fünf oder zehn Gegensätze. Und dann ist wieder ein Urmaterial da. Und so entsteht die Komposition. Es geht um Verführung, um Rhythmik. Es geht um Musikalität, vor allem um Subtext. Analog zu dem, was ich vorher gesagt habe: Was wird ausgelöst oder was kann ausgelöst werden? Das heißt, es sind Verdichtungen und Geschichten im narrativen Sinn. Es ist nicht eine Geschichte, sondern es sind Geschichten, die ineinander verwoben werden. Man kann sich das vorstellen wie eine Collage. Und dann entsteht auf einer Meta-Ebene eine Geschichte im Betrachter und in der Betrachterin.

 

IW: Wie steht es mit der Choreografie? Während Sie schreiben, sehen Sie schon die Bewegungen?

 

Martin Gruber: Nein. Ich beobachte die Leute. Ich schau zum Beispiel, wie geht er? Dann probieren wir das Eine oder Andere. Das ist ganz verschieden. Bei Swing, dance to the right war es eindeutig ein Swing-Schritt. Es war ein Swing-Lehrer da. Das habe ich dann aber zerstört. Ich habe also die Grundlage vom Swing-Schritt genommen und habe dann den Performern gesagt, sie sollen das vier Mal so langsam machen. Da ist der Körper viel amorpher und dann geht man rein. Ich verforme also den Grundschritt, genauso wie den Text. So war der Swing nur noch die Idee und es kommt ein theatralisch funktionierendes choreografisches Element rein. Ich nehme diese Fragmente her und baue sie zusammen, schaue, was ist spannend.

 

IW: Spannend ist ein gutes Stichwort für Ihre Arbeiten. Hinzufügen würde ich humorvoll. Humor und Politik, wie spielt das zusammen?

 

Martin Gruber: Manchmal ist es die einzige Möglichkeit, zu reagieren auf das was passiert. Das ist das Eine. Das Andere ist: Ich liebe die anarchische Kraft des Humors. Jedes totalitäre System, jedes reduzierte System hat Angst vor Humor. Weil der Humor feste Ideologien zerstört. Humor zerstört das vermeintlich Absolute, das vermeintlich Richtige. Er macht es auf eine sinnliche Art und Weise kaputt. Und diese Zerstörung mag ich. Das ist kreativ. Da entsteht nachher was anderes. Der Humor öffnet uns auch. Wenn ich lachen kann, bin ich offen. Dann habe ich keinen Schutz mehr. Und da es im Theater um Verführung geht, haue ich genau dann rein. Das hat mit Rhythmik zu tun. Aber noch einmal, es gibt nichts Schöneres als das Lachen. Das ist etwas Wunderbares. Bei allem politischen Wahnsinn, sollten wir das nicht vergessen. Wenn es nur noch darum geht, Missstände aufzuzeigen, halte ich das für eine Arroganz. Weil ich mich absentiere und sage: „Ihr macht was falsch und ich sage Euch, was richtig istˮ. Wir sind alle ein bisschen daneben. Es ist spannend, bei sich anzufangen. Ich glaube, dass das Publikum das mag. Weil es ausatmen kann. Das ist ein Anfang.

 

IW: Sie haben inzwischen schon eine Fangemeinde. Gibt es Unterschiede zwischen dem Vorarlberger und dem Wiener Publikum?

 

Martin Gruber: Eigentlich nicht mehr. Es war früher anders. Ich habe das früher anders empfunden. Früher war dieser Großstadt-Provinz-Gap spürbar. Jetzt nicht mehr, weil Menschen viel mobiler geworden sind. Wir sprechen eine gewisse Klientel an, das muss man dazu sagen. Es ist auch so, dass in Vorarlberg das Rheintal eine „Tendenzˮ zum Urbanen hat. Es ist ein Einzugsgebiet. Insofern passiert vom Sozialen her was anderes. Und das Publikum ist sehr heterogen. Wir haben in Wien durchaus auch bürgerliches Publikum. Was mich freut. Wir haben klassisches, auch intellektuelles, älteres Theaterpublikum und genauso ganz junge Leute, unter zwanzig, die regelmäßig kommen. Das hat sich eigentlich massiv verjüngt in den letzten Jahren. Das freut mich sehr.

 

IW: Bereiten Sie zum Jubiläum 2019 was Spezielles vor?

 

Martin Gruber: Ja. Die neue Produktion heißt Wie geht es weiter?. Passt irgendwie nach 30 Jahren. Der Untertitel heißt Die gelähmte Zivilgesellschaft. Ein Abend über den eigenartigen Rückzug ins Biedermeier der sogenannten Progressivenˮ, den ich meine zu spüren. Darüber möchte ich mich schon ein bisschen auslassen. 


über das Internationale Festival für das Junge Publikum 2018, Iasi, Rumänien: Katzen, Clowns und ein Schäfchen namens Miorița, im Aurora-Magazin (7. November 2018)


Land der vielen Gesichter, im Aurora-Magazin (11. Oktober 2018)


Von Gespenstern und Löwen, im Aurora-Magazin (20. August 2018)


Auf zur fröhlichen Männerzerstörung! im Aurora-Magazin (1. August 2018)


Spiel, Spaß und jede Menge Arschlöcher im Aurora-Magazin (14. April 2018).


über das Internationale Theatertreffen 2017 in Klausenburg im Aurora-Magazin (17. Februar 2018).


über die Internationale Bukarester Theaterplattform 2017 im Aurora-Magazin (17. Januar 2018).


über das rumänische Nationaltheater-Festival 2017 im Aurora-Magazin (15. Dezember 2017).


über das Internationale Festival für das Junge Publikum 2017, Iasi, Rumänien, im Aurora-Magazin (23. November 2017).


Interview mit Thomas Perle: "Ich möchte den Frauen etwas zurückgeben in dieser männerdominierten (Theater-)Welt", in: Spiegelungen. Zeitschrift für Kultur und Geschichte Südosteuropas, S. 245 - 250, Heft 1.17 (IKGS, Verlag Friedrich Pustet, 2017).


über das Festival delle Colline Torinesi 2017, im Aurora-Magazin (5. Juli 2017).


Download
Nestroys "Coming Out of the Dark" in Schwechat
Nestroy-Spiele-2017.pdf
Adobe Acrobat Dokument 44.8 KB

Theater als politischer Verhandlungsort. Österreich / Rumänien - Kontexte und Beziehungen, in: Schreiben als Widerstand. Elfriede Jelinek & Herta Müller, Pia Janke & Teresa Kovacs (Hg.), S. 423 - 438, Praesens Verlag, 2017.

 


Die Wahrheit und nichts als die Wahrheit (Übersetzung aus dem Rumänischen des Kurzstückes "Adevarul si numai adevarul" von Mihaela Michailov), in: Theater der Zeit, S. 69 - 70, Heft Nr. 3, März 2017.


über das rumänische Nationaltheater-Festival 2016 im Aurora-Magazin (13. Dezember 2016).


 Eine gefühlvolle Zeitreise in die Vergangenheit

  (2. Dezember 2016)

 

        „Tolle Location mit Wiener Schmankerln“ so die Bezeichnung des Cafés Benno im Internet. Kaum im urigen Lokal auf der Alser Straße 67 angekommen, denke ich mir, dass ich am falschen Ort bin. Ein Theaterstück hier aufzuführen, erscheint mir unmöglich. Doch dann entdecke ich den Partyraum im Keller. Im kleinen, intimen Zimmer sind etwa 25 Sessel aufgestellt. Und da ist tatsächlich auch eine Bühne: Ein mit rotem Samt ausgestattetes erhöhtes Podest, auf dem sich zwei Sessel und ein Tisch mit vielen Büchern befinden. Ein Teil eines Außengeländers – eine geschickte Andeutung an vergangene Zeiten – vervollständigt das „Bühnenbild“, das einer Malerei gleichkommt. Mit solch feinen Details überrascht Regisseur Thomas Perle schon vor Beginn der Aufführung

         Vita & Virginia heißt die einstündige Produktion des Vereins SpielBAR, die über die große Liebe zwischen Virginia Woolf und Vita Sackville-West erzählt. Denise Teipel – ihre Ähnlichkeit zu Virginia Woolf ist verblüffend – und Cristina Maria Ablinger entpuppen sich als Idealbesetzung. In der einfühlsamen Regie von Thomas Perle porträtieren sie beide Figuren präzise, prägnant, pointiert. Aus den detailgetreuen Kostümen lassen sich weitere wichtige Merkmale der guten Inszenierung ableiten. Brief für Brief schreiten die Schauspielerinnen voran in ihrer Beziehung, die zwei Jahrzehnte gedauert und einen starken Einfluss auf das Leben der beiden Frauen hinterlassen hat. Der nach Tagebüchern und Briefen entworfene Text von Eileen Atkins (Deutsch von Friederike Roth) beleuchtet die große Zuneigung – auch sexueller Natur – und gegenseitige Bewunderung, die die Freundschaft der zwei geprägt hat, ebenso wie die politische Situation im Europa des 19. Jahrhunderts. Zum gelungenen Abend tragen nicht zuletzt auch die Effektbeleuchtung und Soundtechnik bei. Großes Lob der Dame, die am Mischpult mitgewirkt hat (sie ist übrigens auch diejenige, die die Karten verkauft).

          Eine kleine aber feine Aufführung!


über das Internationale Theatertreffen 2016 in Klausenburg im Aurora-Magazin (2. November 2016).


über das Festival delle Colline Torinesi 2016, im Aurora-Magazin (5. September 2016).


Buchrezension zu Der Scheiterhaufen von György Dragomán im Aurora-Magazin (26. Juli 2016).


Download
Kraftvoll, imponierend und mit viel Spielspaß
Nestroy_Spiele_2016.pdf
Adobe Acrobat Dokument 56.6 KB

über das Festival für Neues Theater in Arad im Aurora-Magazin (20. Juni 2016).


über das Theaterlaboratorium Bukarest im Aurora-Magazin (12. Mai 2016).


über die Produktion Wahnsinnsfrauen des Grazer Theater Asou im Aurora-Magazin (5. März 2016).


über neue Publikationen der rumänischen Theaterszene im Aurora-Magazin (28. Januar 2016).


über das rumänische Nationaltheater-Festival 2015 im Aurora-Magazin (2. Dezember 2015).


über das Internationale Festival für das Junge Publikum 2015, Iasi, Rumänien, im Aurora-Magazin (2. November 2015) und im Observator Cultural (in rumänischer Sprache).


HAKOAH WIEN Ensemble (c) Lupi Spuma
HAKOAH WIEN Ensemble (c) Lupi Spuma

Die verbindende Kraft des Fußballs

(22. September 2015)

 

Drei grüne Tribünen, obenauf drei grüne Sessel. Dahinter eine grüne Wand mit weißen Markierungen: ein Teil eines Fußballfeldes, der auch als Projektionsfläche fungieren wird. Die darauf abgebildeten Zeichnungen dienen als Anweisungen zum Selberherrichten des Bühnenbildes für die Schauspieler sowie als dramatischer Erzählfaden für die Zuschauer. In Windeseile verwandeln sich Tribünen in Kisten, Tische oder Betten. Mit diesen einfachen Mitteln erzählt Yael Ronen die Geschichte des jungen Vizeleutnants Michael Fröhlich, der aus Israel nach Wien geflogen wird, um durch Vorträge das angeschlagene Bild seiner Heimat zu verteidigen. Doch es sollte anders kommen. Zumal er gleich beim ersten Auftritt Michaela Aftergut trifft, eine Österreicherin mit jüdischen Wurzeln, wie sich letztendlich herausstellen wird. Was die beiden miteinander verbindet, sind ihre Großeltern: Ein von Michaela gefundenes Foto deutet auf die Bekanntschaft zwischen ihrer Großmutter und Michaels Großvater, ein Spieler der legendären Fußballmannschaft des jüdischen Sportklubs Hakoah Wien, hin.

            Für beide beginnt nun eine Reise auf Identitäts- und Heimatsuche. Michael fühlt sich immer wohler in Wien und versucht, sich vor seiner Aufgabe zu drücken. Dabei verstößt er gegen die Ideale seines Großvaters, der während der Nazizeit nach Palästina emigrierte und zur Schaffung des israelischen Staates beitrug. Doch Michael gehört einer anderen Generation an. Wir fangen an, uns zu fragen, wie lange wir noch für eine Idee kämpfen sollen, sagt der Hauptdarsteller Michael Ronen während der Improvisationsübungen, von denen ein Teil im Programmheft abgedruckt ist. Denn der Text ist aus der Zusammenarbeit zwischen Regisseurin und Ensemblemitgliedern entstanden.

            Aber auch allgemeine Themen wie eine nicht funktionierende Ehe werden auf die Bühne gebracht. Während Michaela von ihren Identitätsfragen geplagt ist, schaut ihr Mann gelangweilt auf sein Mobiltelefon. Diese von einem Sport-Reporter kommentierte stumme Eheszene entpuppt sich als genialer Regieeinfall. Ein weiteres Problem ist, dass sich Michael in Michaela verliebt. Ideenreich, frisch und originell zeigt sich die Inszenierung, zumal Michael auf den Geist seines Großvaters trifft, der ihm hilfreiche Anweisungen zum Umgang mit Frauen gibt.

            Die teilweise auf Hebräisch gesprochene und mit deutschen Übertiteln versehene Produktion besticht durch ein einfaches, funktionelles Bühnenbild und eine geschlossene, sehr gute Ensembleleistung. Hierbei ist vor allem die glänzende Darbietung des Hauptdarstellers Michael Ronen (Bruder der Regisseurin) hervorzuheben. Nicht zuletzt tragen auch die auf die beiden Jahrhunderte perfekt abgestimmten Kostüme, für die Moria Zrachia verantwortlich zeichnet, zum Erfolg der Inszenierung bei.

            Diese erste Übernahme der neuen Volkstheater-Intendantin Anna Badora aus ihrer Grazer Direktionszeit wirkt spritzig, energiegeladen und humorvoll. Yael Ronen ist eine beachtliche Inszenierung gelungen. Nicht umsonst wurde die Produktion 2013 mit dem Nestroy für die beste Bundesländer-Aufführung ausgezeichnet. Dass der Saal zur Hälfte leer blieb, ist unerklärlich, umso mehr als der Zuschauerraum mit der neuen gehobenen Tribüne viel an Seh- und Hörpotential gewonnen hat. Ein kurzweiliger, genussreicher Abend, der von den anwesenden Zuschauern zu gutem Recht stark umjubelt wurde.


über die 43te Auflage der Biennale von Venedig, im Aurora-Magazin (2. September 2015) und in Orizont Nr. 8/2015 (in rumänischer Sprache)


über die Inszenierung von Marco Martinellis Wassergeräusche in Mons, Kulturhauptstadt Europas in 2015, im Aurora-Magazin (6. August 2015) und in Orizont Nr. 7/2015 (in rumänischer Sprache)


Download
Schwungvolles Potpourri bei den Schwechater Theaterg'schichten
Nestroy_Spiele_2015.pdf
Adobe Acrobat Dokument 16.5 KB

über die Wiener Theaterszene, in Hystrio,

weitere Artikel in der italienischen Theaterzeitschrift in Drukformat (Zusammenarbeit seit 2015).


über das Festival delle Colline Torinesi 2015, im Aurora-Magazin (1. Juli 2015).


über das Festival der rumänischen Dramatik 2015, im Aurora Magazin (29. Juni 2015),

weitere Artikel in der österreichischen Online-Kulturzeitschrift (Zusammenarbeit seit 2007).


über das rumänische Nationaltheater-Festival 2014 (in rumänischer Sprache), in Observator Cultural,

weitere Artikel in der rumänischen Kulturzeitschrift (Zusammenarbeit seit 2008).


über die Wiener Festwochen 2014 (in rumänischer Sprache), in Teatrul Azi,

weitere Artikel in der rumänischen Theaterzeitschrift in Druckformat (Zusammenarbeit seit 2009).


Die Exotik der Gegenwart (Theaterlandschaft Republik Moldau),

in Nachtkritik (August 2009).


Spiel mit dem Leben. Wie Rumänien das Theater neu entdeckt,

zweisprachiger Schwerpunkt im Aurora-Magazin (Dezember 2008).