(c) Cornel Lazia
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"Die unabhängige Szene übernimmt in Rumänien wesentliche Aufgaben des kulturellen Lebens"

 

Interview mit der Theaterkritikerin und -kuratorin Cristina Modreanu

(9. April 2021)

 

Irina Wolf: Die Corona-Pandemie ist im März 2020 ausgebrochen. Wenn ich mich richtig erinnere, waren Sie zu dem Zeitpunkt in den Vereinigten Staaten von Amerika auf Tournee, um Ihr neues Buch "A History of Romanian Theater from Communism to Capitalism. Children of a Restless Time" zu präsentieren. Bitte erzählen Sie mir mehr über den Inhalt des Bandes und das amerikanische Abenteuer.

Cristina Modreanu: Ja, das stimmt, genau vor einem Jahr befand ich mich in New York, wo die Tournee der Präsentation meines Buches beginnen sollte. Es handelt sich um die erste Publikation in englischer Sprache über das rumänische Theater, herausgegeben vom Routledge-Verlag. Geplant war, das Buch an sechs amerikanischen Universitäten zu präsentieren: zuerst bei der Pace University in New York, dann an der University of Washington in Seattle, der University of California in Irvine, der University of Arizona in Phoenix und dem Ithaca College. Die Tournee hätte an der Harvard University enden sollen, wo das Thema für Geschichtsstudenten auf großes Interesse gestoßen ist. Ich schaffte es nur, mein erstes "Live"-Treffen mit Studenten der Pace University abzuhalten. Die Präsentation an der University of Arizona fand online statt, denn die Studenten befanden sich bereits in Quarantäne, nachdem in den USA und vor allem in Seattle mehrere Corona-Cluster entdeckt worden waren. Alles stand still, überall herrschte Panik und die Campus wurden geschlossen. Das Rumänische Kulturinstitut, mit dem ich einen Vertrag für diese Tournee unterzeichnet hatte, verschwand von der Bildfläche – ein weiteres Zeichen der allgemeinen Verwirrung, die den Beginn der Pandemie kennzeichnete.

Um auf Ihre Frage zurückzukommen: Der Inhalt des Buches entspricht genau dem Titel "A History of Romanian Theatre from Communism to Capitalism. Children of a Restless Time“. Ich habe es "eine Geschichte" und nicht "die Geschichte" genannt, weil es sich um meine Version dieser Geschichte handelt. Übrigens habe ich des öfteren eine subjektive Meinung als fachbezogene Zuschauerin geäußert und gleichzeitig eine sachkundige Perspektive der Entwicklung des rumänischen Theaters in den letzten 30 Jahren seit der Revolution 1989 bis 2019, als ich dem Verlag das Buch vorlegte, geboten.

Es tut mir leid, dass der Band nicht wie geplant ein echtes "amerikanisches Abenteuer" erleben konnte, aber das Wichtigste ist, dass dieses Buch existiert. Es ist die erste Publikation über rumänisches Theater in englischer Sprache und noch dazu erschienen bei einem renommierten Verlag, der in den akademischen Kreisen sehr geschätzt wird. Das Wesentliche ist, dass ich eine Informationslücke über das rumänische Theater geschlossen habe. Das war mein Hauptziel, der Grund, warum ich dieses Buch geschrieben habe, über das ich schon während meines Aufenthaltes als Gastwissenschaftlerin an der New York University dank eines Fulbright-Stipendiums nachgedacht hatte. Damals habe ich darunter gelitten, dass ich meinen Kollegen, die über das rumänische Theater auf Englisch etwas erfahren wollten, nichts empfehlen konnte.

Irina Wolf: In der Zwischenzeit ist ein Jahr vergangen, in dem fast überall auf der Welt Theater mal geschlossen, mal geöffnet werden. Viele Produktionen werden online gezeigt. Was halten Sie als Theaterkritikerin von dieser Situation? Welche rumänische Werke, die während der Pandemie kreiert wurden, würden Sie dem österreichischen Publikum signalisieren?

Cristina Modreanu: Die Dynamik des Schließens und Öffnens von Theatern ist sowohl für Künstler als auch für Zuschauer äußerst frustrierend. Letztere wissen nicht mehr, wann sie etwas sehen können und wann nicht. Einige kaufen Karten, die nutzlos liegenbleiben, andere haben Angst, einen Theatersaal zu betreten... In der Zwischenzeit finde ich es interessant, dass es immer mehr Versuche gibt, Projekte online zu schaffen, und ich spreche nicht nur von Inszenierungen im traditionellen Sinne. Gleichermaßen glaube ich, dass die uninspirierteste Initiative dieses komplizierten Jahres darin bestand, Filmmaterial von schlechter Qualität online verfügbar zu machen, das eigentlich zu Archivierungszwecken und nicht zur Ausstrahlung erstellt wurde. Waren einige europäische Theater besser darauf vorbereitet, Produktionen online anzubieten, weil sie qualitativ hochwertige Aufnahmen besaßen, befanden sich die meisten Theater in Rumänien nicht in dieser Lage. Es dauerte Monate, bis Produktionen speziell für das Internet entwickelt wurden, bis Künstler es verstanden, dass es sich um ein anderes Kommunikationsmedium handelt, das eine andere Konvention zum Publikum voraussetzt. Von den von mir gesehenen Vorstellungen ist mir "Pool.No Water" in guter Erinnerung geblieben (Team: Radu Nica – Andu Dumitrescu – Vlaicu Golcea; Produzent: Ungarisches Staatstheater Klausenburg). Vor Kurzem hatte "Tag Z" Premiere (Regie: Bobi Pricop; Produzent: Staatstheater Constanţa). Dann würde ich noch die Online-Serie "Fragile (fragile.live)" bestehend aus fünf Folgen erwähnen, die fünf weibliche Positionen unserer heutigen Gesellschaft herausstellen. Dieses Projekt wurde in der unabhängigen Szene mit der Schauspielerin Ioana Flora als Leiterin produziert. Sie war schon vor der Pandemie an Theaterfilmprojekten beteiligt, die die feine Grenze zwischen einer Live-Aufführung und der Ausstrahlung einer aufgezeichneten Produktion untersuchten. Ein weiteres interessantes Projekt ist dem neu gegründeten "Unwahrscheinlichen Theater" (Teatrul Improbabil) zuzuschreiben, das drei Audio-Produktionen von neuen Stücken junger Dramatiker erschafft hat. Aus einem mit dem Theater zusammenhängenden Bereich möchte ich das einzigartige Projekt der Bühnenbildnerin Cristina Milea hervorheben. Sie nutzte die Pandemiekrise, um die Überschneidung zwischen Theater, Mode, Fotografie und Ökologie zu untersuchen, indem sie theatralische Kostüme aus wiederverwertbaren Materialien schuf, Kostüme, die von Schauspielerinnen getragen und während aufwendigen Fotosessions fotografiert wurden. Das Ergebnis ist auf der Website "Sarltan.ro" sichtbar. Eine dieser Kreationen findet sich auf den Umschlag der ersten Ausgabe 2021 der Scena.ro-Zeitschrift wieder.

Außerdem habe ich die Möglichkeiten der neuen Online-Szene aktiv getestet, indem ich für die 7. Ausgabe der Bukarester Internationalen Theaterplattform (PITB) das neue Stück von Alexandra Badea, "Red Line", produzierte (Anm. d. Ü.: PITB ist ein Festival, das vom 1. bis 4. Oktober 2020 unter dem Motto "Our House is on Fire" stattgefunden hat). Die Produktion wurde online gezeigt, ebenso wie das gesamte Programm der Plattform. Das Motto wurde durch begleitende Diskussionen hervorgehoben. Das Thema ist 2021 äußerst aktuell und mehr als relevant, denn unser Haus – die Erde als Großes, die Familie im kleinen Rahmen betrachtet – steht fast "in Flammen".

Irina Wolf: Sie sind Gründerin des ARPAS-Vereins, der unter anderem das PITB-Festival und die Scena.ro-Zeitschrift initiiert hat. Wie schreibt man in dieser Katastrophenzeit über Theater?

Cristina Modreanu: Ich möchte Ihre Frage zum Anlass nehmen, um zu sagen, dass ARPAS – Romanian Association for Performance Arts – im März dieses Jahres sein zehnjähriges Jubiläum feiert. Ich habe diesen Verein 2011 gemeinsam mit meinen Kollegen Florentina Bratfanof, Casting-Direktorin, und Ciprian Marinescu, Kurator und Übersetzer neuer Theaterstücke aus dem Deutschen ins Rumänische, gegründet. Im November 2010 endete meine Amtszeit als künstlerische Direktorin des Nationalen Theaterfestivals, während der ich auch den Grundstein für die Zeitschrift der darstellende Künste Scena.ro gelegt hatte. Unser Trio hat sich eine andere Festivalart gewünscht, weniger "festlich", kein "Schaufenster", sondern eine Plattform für einen echten Dialog mit den Zuschauern. Dieser Dialog wird durch die in der Zeitschrift publizierten Artikel fortgesetzt. Er öffnet Wege zu den Theaterszenen weltweit, um Produktionen, die in Rumänien ignoriert werden, bekannt zu machen. Wir konnten uns nicht vorstellen, dass wir uns nach einem Jahrzehnt, in dem wir Dutzende von Projekten und sieben Festivaleditionen organisierten, vier Ausgaben der Zeitschrift pro Jahr sowie andere wichtige Bücher über darstellende Künste ins Rumänische übersetzten und veröffentlichten sowie Kooperationsbeziehungen mit Künstler aus ganz Europa, aus Großbritannien und den USA aufgebaut haben, nun fragen: "Was ist der Sinn des Ganzen?". Unabhängige Organisationen, die Kulturprojekte produzieren, sind in Rumänien immer noch unsichtbar. Es werden weiterhin große Theaterhäuser vom Staat subventioniert, die aus diesem Grund keine Probleme aufwerfen. Diese befassen sich nicht mit problematischen Themen, kritisieren nicht, nehmen keine Position ein, produzieren dafür aber leicht verdauliche Kost und realitätsfremde Inszenierungen. All das scheint niemanden zu stören. Seit Beginn der Pandemie haben unabhängige Künstler alle Unterstützungsnetzwerke verloren, mehrere unabhängige Theater haben sich aufgelöst, andere stehen kurz vor dem Verlust ihrer Spielstätte, weil sie die Miete nicht bezahlen können. Während dieser Zeit erhalten sie nur Zusagen von den Behörden ohne irgendeine Deckung. Zufälligerweise beantworte ich Ihre Fragen am 26. März. Dieser Tag wurde in Rumänien zum #ziuasupravietuirii erklärt (Anm. d. Ü.: #tagdesueberlebens) und ist von Protesten unabhängiger Künstler in mehreren Städten landesweit geprägt.

Um auf Ihre Frage zurückzukommen: Während dieser Zeit schreibe ich über das Theater, indem ich über seine schwerwiegenden Probleme berichte, über die Gefahr, dass diese Kunst in vielen neoliberalen Gesellschaften auf das Niveau der einfachen Unterhaltung reduziert wird, obwohl sie das kritische Denken stärken soll. Ich schreibe darüber, wie wichtig es ist, dass Künstler ihr künstlerisches Bewusstsein bewahren und ihr Talent respektieren sollen, indem sie für die notwendigen Bedingungen kämpfen, um diese zwei Fähigkeiten weiterentwickeln zu können. Ich berichte auch über Produktionen, die während der Pandemie entstanden sind, aber auch darüber, wie Künstler beschlossen haben, ihre Arbeitsweise zu ändern. Veränderungen waren notwendig, wie es im Leben der Fall ist. Nichts kann gleich bleiben, nachdem wir diese Zeit, dessen Ende noch immer nicht in Sicht ist, durchlaufen haben.

 

Irina Wolf: Die letzte bemerkenswerte Errungenschaft des ARPAS-Vereins ist die Gestaltung des Multimedia-Wörterbuchs des rumänischen Theaters (DMTR). Wie kam dieses Projekt zustande? In welcher Phase befindet es sich, wie viele Phasen sind vorgesehen? Wird es eine Variante des Wörterbuchs auch in einer anderen Sprache als Rumänisch geben?

Cristina Modreanu: Ich hatte dieses Projekt schon länger im Sinn und hatte eine Finanzierung beantragt. Wir erhielten zufällig einen der beantragten Zuschüsse kurz vor Beginn der Pandemie, also nutzten wir den Lockdown, um die ersten 50 Einträge zu erstellen. In der rumänischen Kultur wird seit 30 Jahren über die Notwendigkeit gesprochen, ein Wörterbuch des rumänischen Theaters zu schaffen. Es gab auch einige Versuche, die aber nicht abgeschlossen wurden. Durch die Zusammenarbeit mit meinen Studenten habe ich verstanden, dass sie kein physisches, sondern ein jederzeit online zugängliches Wörterbuch benötigen, um darin nicht nur die Ideen der anderen zu finden, sondern auch Materialien, auf deren Grundlage sie sich ein eigenes Bild über die Vergangenheit des rumänischen Theaters machen können. Für diese Studenten und für die nachfolgenden Generationen haben wir das Multimedia-Wörterbuch des rumänischen Theaters entworfen. Es handelt sich um ein vollständiges Online-Produkt mit dreidimensionalen Einträgen, das bedeutet, dass wir nicht nur Artikel inkludieren, die speziell für Theaterfachleute in Auftrag gegeben wurden, sondern auch Fotos, Poster, Kostüm- und Bühnenbildskizzen, Briefe und andere eingescannte Materialien, Videoclips von Produktionen (falls verfügbar), Links zu Webseiten oder relevante Interviews.

Das Wörterbuch ist in zwei Kategorien unterteilt: Künstler und Inszenierungen. Für die erste Phase haben wir den Zeitraum 1950-1989 gewählt, anschließend werden wir mit der Zeitspanne nach 1990 fortsetzen. Wir stehen noch am Anfang und bereiten währenddessen neue Förderanträge vor. Wir hoffen, in diesem Jahr weitere 50 Einträge erstellen zu können, aber es gibt natürlich noch viel mehr zu erledigen. Es ist also eine langfristige Aufgabe, die wir uns vorgenommen haben. Wenn ich "wir" sage, meine ich ein Team von über 20 Theaterfachleuten jeden Alters aus ganz Rumänien. Einige haben geschrieben, andere haben die Studententeams koordiniert, die Materialien für die technischen Angaben jedes Wörterbucheintrags gesammelt, wiederum andere haben Korrektur gelesen, die Webseite gestaltet, Werbung gemacht oder mehrere Aufgaben gleichzeitig erledigt. Ich habe in diesem Projekt Seite an Seite mit der Professorin und Schriftstellerin Miruna Runcan gearbeitet, die selbst eine angesehene Forscherin der rumänischen Theatergeschichte und deren Beitrag für das Projekt von wesentlicher Bedeutung ist.

Wir hoffen natürlich, dass es eine englische Version von DMTR geben wird, denn dies würde unserer Kultur eine zusätzliche Chance geben, in der Welt bekannt zu werden, aber das hängt von der Finanzierung ab. Ich möchte betonen, dass dieses auch ein unabhängiges Projekt ist, das keine staatliche Unterstützung hat. Die erste Phase war dank eines Zuschusses vom AFCN möglich (Anm. d. Ü.: Verwaltung des nationalen Kulturfonds), ansonsten verfügen wir nur über die logistische und fachspezifische Unterstützung der Babeș-Bolyai-Universität Klausenburg und der Universität der Künste Târgu Mureș, die von Anfang an unsere Partner waren. Ich greife daher auf die Idee zurück, dass die unabhängige Szene wesentliche Aufgaben des kulturellen Lebens in Rumänien übernimmt, durch Bildungsprojekte, durch Kunstinterventionen, durch Gemeinschaftsprojekte, die auch marginalisierten Kategorien eine Stimme verleihen und nicht zuletzt durch Projekte zur Aufbewahrung von Archiven wie dieses Multimedia-Wörterbuch. Trotz allem wird unsere Arbeit nicht anerkannt und nicht gewürdigt, obwohl subventionierte Institutionen nicht in der Lage sind, diese zu machen, auch wenn sie über viel mehr Personal und finanzielle Ressourcen verfügen. Dieses Paradoxon definiert ein altes, eingerostetes Kultursystem, das aufgrund der fehlenden Reformen nur schwer funktioniert, aber angesichts der Unfähigkeit der rumänischen Behörden, die Realität zu verstehen und Prioritäten zu setzen, widerstandsfähig gegen jede Änderung ist. Dieses Paradoxon ist das Herzstück des Stillstands der heutigen rumänischen Kultur. 

(aus dem Rumänischen von Irina Wolf)

zu lesen auch im Aurora-Magazin, 29. Juni 2021