(c) Johanna Lamprecht
(c) Johanna Lamprecht

Kafkas Angst: eine Entführung in die hintersten Winkel des Theaters

(19. Juni 2021)

 

Es ist groß. Es ist ein großes Wesen, das allein in einem weitläufigen Bau unter der Erde lebt und sich vor jeglichen Gefahren, die von der Außenwelt zu drohen scheinen, schützen will. Zu diesem Zweck hat es etliche Vorsichtsmaßnahmen getroffen. Kontrollrituale tun ihr Übriges, das exzessive Bedürfnis des Wesens nach Sicherheit zu befriedigen. Doch alles ist vergebens. Das Geschöpf hat kein Vertrauen in seine Maßnahmen, wittert hinter jeder Unregelmäßigkeit des Alltags einen potenziellen Angriff und spielt auch in Gedanken mehrere (un)mögliche Gefährdungen durch. Irgendwann vernimmt es ein Geräusch, ein Zischen, dessen Herkunft es sich nicht erklären kann. Und so verfällt es in Paranoia.

Davon handelt Kafkas letzter Text. Die Erzählung Der Bau wurde im Winter 1923 geschrieben, als der Autor bereits an fortgeschrittener Lungentuberkulose litt. Als virtuelle Vorstellung mittels VR-Brille bringt nun das Schauspielhaus Graz die Inszenierung dieses Werkes den Zuschauer*Innen ins eigene Heim. Nach „Judas“, einem Monolog von Lot Vekemans, gefilmt in einer Kirche, und „Krasnojarsk“, eine düstere Endzeitversion von Johan Harstad, gedreht unter anderem am Neusiedler See im Burgenland, können nun die Zuschauer*Innen in das Grazer Theatergebäude eintauchen.

Die als Kafka-Spezialistin geltende, in St. Petersburg geborene Regisseurin Elena Bakirova, hat sich etwas ganz Besonderes einfallen lassen: Sie lädt auf eine Reise durch etliche Räumlichkeiten des Theaters ein. Im Stiegenhaus, auf der Lichtbrücke und in der Unterbühne, im Requisiten- und im Kühlraum sowie auf der Bühne selbst (dem sogenannte „Burgplatz“ aus Kafkas Erzählung) – überall kann man, ausgestattet mit der vom Schauspielhaus gelieferten VR-Brille und einem Controller sowie einem persönlichen Kopfhörer-Set, bequem vom eigenen Drehsessel in die Kulissen der Theaterwelt hineinschnuppern. Umwerfend ist die Aussicht von weit oberhalb der Bühne, fantastisch der Blick unter die Drehbühne (Bildgestaltung/Schnitt: Markus Zizenbacher). Ein sagenhaftes Erlebnis! „Das Theatergebäude an sich ist wie Kafkas Topografie – alle Wege führen zur Bühne und alle Räume sind miteinander verknüpft“, begründet Bakirova ihre Wahl. Mit viel Liebe zum Detail sind die Zimmer ausgestattet. Ein Regenschirm, ein Schlitten, mehrere Lampen und leere Bilderrahmen, Schlittschuhe, ein Bär, ein Videoprojektor, diverse Masken – und noch so vieles mehr hat das Wesen in seinem Bau angehäuft.

Auf die Reise durch die labyrinthischen Gänge führt der Schauspieler Florian Köhler. Unermüdlich bewegt er sich von einem Raum in den anderen, rollend, kriechend, springend, manchmal laufend, ein anderes Mal behutsam, prüfend, misstrauisch. Sein Blick verrät aber noch mehr. Eindrucksvoll schafft es Köhler, in nur vierzig Minuten eine Palette von Gefühlszuständen glaubwürdig zu vermitteln. „Das Schönste an meinem Bau ist seine Stille“, sagt er zu Beginn. Scheint er sich am Anfang sicher, ja sogar glücklich zu fühlen, rastet er mit der Zeit aus. Auf einem alten Kassettenrekorder nimmt er Geräusche auf. Ab und zu schlägt er auf die Rohre, um das Zischen, das er vermeint zu vernehmen, zu lokalisieren.

Gelegentlich bleibt er stehen und schaut direkt in die Kamera. Einmal streckt er sogar die Hand aus nach dem „unsichtbaren Feind“, vor dessen Einbruch er solche Angst hat. Als Zuschauender bekommt man ein mulmiges Gefühl, dann steckt man noch mehr mitten im Geschehen. Nach und nach verliert der Protagonist den Verstand: Auf einem Fahrrad fährt er wild auf der Unterbühne im Kreis. Dabei wird das Tempo durch die sich in die Gegenrichtung bewegende Drehbühne verstärkt – nur etwas für Schwindelfreie, wobei man im Notfall die VR-Brille kurzfristig entfernen kann. Und irgendwann nimmt die Paranoia ihren Lauf: Umgeben von Kinderspielsachen erzeugt der Protagonist einen betäubenden Lärm. Währenddessen putzt er sich die Zähne mit zwei Zahnbürsten gleichzeitig.

Elena Bakirovas Inszenierung entpuppt sich als eine relevante Gefühlserkundung nach der pandemiebedingten sozialen Isolation. Die Virtual-Reality-Produktion des Schauspielhauses Graz überzeugt durch Tempo, starke Bilder und eine grandiose schauspielerische Leistung.

 

(siehe auch Aurora-Magazin.at vom 26.08.2021)


(c) Lex Karelly
(c) Lex Karelly

Wörterschutzgebiete für die Mächtigen bauen

(08. April 2021)

 

Seit Beginn der Corona-Krise vor einem Jahr haben wir mit drastischen Einschränkungen der Reisefreiheit zu kämpfen. Die Meinungsfreiheit ist (noch) unangetastet. Wie wäre es aber, wenn auch die vorhandenen Sprachmöglichkeiten einer Begrenzung unterzogen werden? Diese dystopische Zukunft zeigt Sam Steiner in seinem preisgekrönten Werk „Zitronen Zitronen Zitronen“, das Ende März die deutschsprachige Erstaufführung am Schauspielhaus Graz in einer Online-Version feierte. 

Das 2015 geschriebene Stück um die Reduktion der Sprache auf 140 Wörter scheint aktueller denn je. Der britische Autor bringt brisante gesellschaftspolitische Fragen wie Demokratie und Klassenteilung auf. Doch das Politische findet nur angedeutet statt, denn der Diskurs um die Redefreiheit wird durch die Beziehung zweier junger Menschen dargeboten. Bernadette und Olivia sind ein Liebespaar (im englischen Original waren es Bernadette und Oliver). Sie haben sich auf einem Tierfriedhof kennengelernt. Noch ist es unsicher, ob das umstrittene Gesetz der Kommunikationseinschränkung durchkommt und schon hat die Beziehung der beiden sehr stark zu leiden. Olivia (Maximiliane Haß) ist eine temperamentvolle, revolutionäre Musikerin, die an Demonstrationen gegen die zukünftige Spracheinschränkung teilnimmt. Bernadette (Katrija Lehmann) ist zurückhaltender; sie ist Juristin. „Das Wort ist die Waffe der Mittelklasse“, behauptet Olivia und erzeugt mit diesem Satz nur Unmut bei ihrer Partnerin. Polarisierung und Teilung der Gesellschaft. Klingt das bekannt? 

Die speziell für das Online-Medium konzipierte Produktion schafft es, Steiners dystopische Zukunftsvision glaubhaft rüberzubringen. Geschickt wechselt Regisseurin Anne Mulleners die Schauplätze zwischen Theaterraum und Orten im Freien. Eine Stunde lang werden die anschaulichen Szenenwechsel farblich raffiniert vermittelt (Kamera & Schnitt: Thomas Achitz) und musikalisch optimal unterstützt (Musik: Mihai Codrea und Sânziana Dobrovicescu). „Vierunddreißig“ – „Einundzwanzig“ – so lautet der Anfangsdialog. Was jedoch wie ein Spiel zu beginnen scheint, ein bloßes Rätsel, das es zu lösen gilt, führt zunehmend in die bedrückende Welt einer Maschinerie, die den Einzelnen nur in seinen Entfremdungen und Auflösungen hervorbringt und die Welt, in der wir leben, als eine labyrinthische Ortlosigkeit kennzeichnet, der niemand entkommen kann und die so zum Zeichen eines Desasters wird. Nur eines überlebt: die Liebe. Das Endbild des Botanischen Gartens der Universität Graz mit seinen Gewächshäusern und das darin planlos herumirrende Paar bleiben in wunderschöner Erinnerung im Hinblick auf eine hoffnungsvolle Zukunft. Zu dieser gelungenen filmischen Version soll es auch eine Live-Produktion geben, sobald es Corona erlauben wird. Bis dahin ist „Zitronen Zitronen Zitronen“ im digitalen Repertoire des Schauspielhauses Graz noch bis 29. April zu sehen. 

(https://schauspielhaus-graz.buehnen-graz.com/play-detail/zitronen-zitronen-zitronen)


(c) Johanna Lamprecht
(c) Johanna Lamprecht

Mittels VR-Brille in die Apokalypse

(14. Februar 2021)

 

„Krasnojarsk: Eine Endzeitreise in 360°“ – so der Titel der neuesten Premiere des Schauspielhauses Graz. Dass diese derzeit im Theatersaal nicht stattfinden kann, ist offensichtlich, sind die Theater wegen der Corona-Pandemie bis auf Weiteres geschlossen. Ein Online-Streaming-Event ist aber auch nicht der Fall. Wo ist dann die Produktion zu sehen? In den eigenen vier Wänden, es handelt sich um eine Vorstellung mittels VR (Virtual-Reality)-Brille. Damit entwickelt das Schauspielhaus Graz ein Format weiter, das es in der vergangenen Spielzeit mit der VR-Produktion „Judas (360°)“ im Foyer des Hauses mit ebensolchen Brillen erlebbar gemacht hat. Diesmal kommt das Theater zum Zuschauer nach Hause. Und das mit Luxus-Service! Nach dem Ticketerwerb wird die bestellte VR-Brille mittels Fahrradkurier geliefert, wo die auf der Brille gespeicherte 360°-Aufnahme abgespielt werden kann. Eine Bedienungsanleitung wird im Paket mitgeliefert.

Nicht nur die Organisation ist erstklassig, vor allem das Thema ist für die heutige außergewöhnliche Zeit passend ausgewählt. Anhand des Theaterstücks „Krasnojarsk“ des norwegischen Autors Johan Harstad werden Vereinzelung und Isolation, Liebe und Enttäuschung, Gewalt und Zärtlichkeit untersucht. Eine Naturkatastrophe soll ausschlaggebend dafür sein, dass nahezu die gesamte Erdoberfläche vernichtet ist. In dieser dystopischen Zukunftswelt sucht ein Anthropologe (Nico Link) Spuren der Menschheit, und das ausgerechnet in der Region Krasjonarsk, im fernen Sibirien. Eines Tages trifft er auf eine junge Frau (Katrija Lehmann) und die Geschichte nimmt eine überraschende Wendung.

Gedreht wurde unter anderem am Neusiedler See im Burgenland – das dem Krasnojarsker Stausee nahekommt, in der steirischen Weizklamm und im Freilichtmuseum Vorau. Damit ist Bildgestalter Markus Zizenbacher und Ausstatterin Tanja Kramberger eine beachtenswerte Umsetzung der sibirischen Steppenlandschaft gelungen. Regisseur Tom Feichtinger setzt auf nachhaltige Bilder und auf echte Spannung, vor allem aber auf erstklassige Schauspieler. Souverän vermischen sich verschiedene Zeitebenen. Da ist zum Beispiel das von Lustlosigkeit geprägte Abendessen eines Paares in einer luxuriös ausgestatteten Wohnung unseres Jahrhunderts. Die von Kommunikationsmangel geprägte Beziehung führt zu einer Flucht des Mannes ins Mittelalter. Da scheint das Leben noch in Ordnung zu sein. Mittels beeindruckenden Bildüberblendungen werden solch überraschende Effekte erzeugt.

Auf biblische Weise überschwemmt gegen Ende eine Flut den Saal des Grazer Schauspielhauses. Die 360-Grad-Technik, in der sich der Zuschauer die Perspektive selbst wählen kann, macht die düstere Endzeitreise von Johan Harstad dennoch ertragbar. Visuell kühn, zugleich poetisch und verstörend, aber auch absurd komisch. Als erstes österreichisches Theater bietet das Schauspielhaus Graz dem Publikum ein einmaliges Erlebnis im eigenen Drehsessel. Mit diesem Format ist es dem Team eindrucksvoll gelungen aufzuzeigen, dass neue Wege jenseits der klassischen Theateraufführung möglich sind.

 

(siehe auch Aurora-Magazin.at vom 21.03.2021)