(c) Johanna Lamprecht
(c) Johanna Lamprecht

Mittels VR-Brille in die Apokalypse

(14. Februar 2021)

 

„Krasnojarsk: Eine Endzeitreise in 360°“ – so der Titel der neuesten Premiere des Schauspielhauses Graz. Dass diese derzeit im Theatersaal nicht stattfinden kann, ist offensichtlich, sind die Theater wegen der Corona-Pandemie bis auf Weiteres geschlossen. Ein Online-Streaming-Event ist aber auch nicht der Fall. Wo ist dann die Produktion zu sehen? In den eigenen vier Wänden, es handelt sich um eine Vorstellung mittels VR (Virtual-Reality)-Brille. Damit entwickelt das Schauspielhaus Graz ein Format weiter, das es in der vergangenen Spielzeit mit der VR-Produktion „Judas (360°)“ im Foyer des Hauses mit ebensolchen Brillen erlebbar gemacht hat. Diesmal kommt das Theater zum Zuschauer nach Hause. Und das mit Luxus-Service! Nach dem Ticketerwerb wird die bestellte VR-Brille mittels Fahrradkurier geliefert, wo die auf der Brille gespeicherte 360°-Aufnahme abgespielt werden kann. Eine Bedienungsanleitung wird im Paket mitgeliefert.

Nicht nur die Organisation ist erstklassig, vor allem das Thema ist für die heutige außergewöhnliche Zeit passend ausgewählt. Anhand des Theaterstücks „Krasnojarsk“ des norwegischen Autors Johan Harstad werden Vereinzelung und Isolation, Liebe und Enttäuschung, Gewalt und Zärtlichkeit untersucht. Eine Naturkatastrophe soll ausschlaggebend dafür sein, dass nahezu die gesamte Erdoberfläche vernichtet ist. In dieser dystopischen Zukunftswelt sucht ein Anthropologe (Nico Link) Spuren der Menschheit, und das ausgerechnet in der Region Krasjonarsk, im fernen Sibirien. Eines Tages trifft er auf eine junge Frau (Katrija Lehmann) und die Geschichte nimmt eine überraschende Wendung.

Gedreht wurde unter anderem am Neusiedler See im Burgenland – das dem Krasnojarsker Stausee nahekommt, in der steirischen Weizklamm und im Freilichtmuseum Vorau. Damit ist Bildgestalter Markus Zizenbacher und Ausstatterin Tanja Kramberger eine beachtenswerte Umsetzung der sibirischen Steppenlandschaft gelungen. Regisseur Tom Feichtinger setzt auf nachhaltige Bilder und auf echte Spannung, vor allem aber auf erstklassige Schauspieler. Souverän vermischen sich verschiedene Zeitebenen. Da ist zum Beispiel das von Lustlosigkeit geprägte Abendessen eines Paares in einer luxuriös ausgestatteten Wohnung unseres Jahrhunderts. Die von Kommunikationsmangel geprägte Beziehung führt zu einer Flucht des Mannes ins Mittelalter. Da scheint das Leben noch in Ordnung zu sein. Mittels beeindruckenden Bildüberblendungen werden solch überraschende Effekte erzeugt.

Auf biblische Weise überschwemmt gegen Ende eine Flut den Saal des Grazer Schauspielhauses. Die 360-Grad-Technik, in der sich der Zuschauer die Perspektive selbst wählen kann, macht die düstere Endzeitreise von Johan Harstad dennoch ertragbar. Visuell kühn, zugleich poetisch und verstörend, aber auch absurd komisch. Als erstes österreichisches Theater bietet das Schauspielhaus Graz dem Publikum ein einmaliges Erlebnis im eigenen Drehsessel. Mit diesem Format ist es dem Team eindrucksvoll gelungen aufzuzeigen, dass neue Wege jenseits der klassischen Theateraufführung möglich sind.