(c) Volkstheater / Ulrike Schild
(c) Volkstheater / Ulrike Schild

Nähe mitspüren und -fühlen am Telefon

(11. April 2021)

 

Ein Telefonat mit einem fremden Menschen hat seine Tücken, umso mehr, wenn es als Theaterprojekt präsentiert wird. In Zeiten, in denen die Kultur seit Monaten zum Stillstand verdammt ist, hat das Volkstheater auf ein solch einmaliges Experiment gesetzt. „Tausend Wege – ein Telefonat“ heißt die Produktion des amerikanischen Theaterkollektivs 600 Highwaymen, die zwei Fremde und eine automatische Stimme zusammenbringt.

Doch zuerst erhält man via E-Mail eine Telefonnummer, die man zu einer ausgemachten Uhrzeit anrufen soll sowie einen Zugangscode und ein Passwort. Sind diese Hürden einmal überwunden, wird man eine Stunde lang von der vorprogrammierten Stimme durch ein strukturiertes Gespräch geführt. So folgen die anonymen Personen A und B dem von Abigail Browde und Michael Silverstone – besser bekannt als das unkonventionelle Theaterduo 600 Highwaymen – entworfenen Skript (die deutsche Übersetzung stammt von Matthias Seier und Anne-Kathrin Schulz). Familienstand, Reisen, Körpermerkmale, Gewohnheiten, Gefühle gehören unter anderem zu den Informationen, die man über sich selbst preisgeben kann, aber nicht muss. Dadurch wird das Telefonat nie wirklich unangenehm. Im Gegenteil, durch den ständigen Wechsel zwischen Trivialitäten und intimen Fragen ergibt sich ein spannendes, mysteriöses Bild des menschlichen Gesprächspartners. Wobei die (weibliche) Computerstimme einen schon von Anfang an warnt, dass „dieses kein Gespräch ist, sondern eine Möglichkeit, einander zu begegnen“.

Mehrere Fähigkeiten, die während der von der Pandemie verursachten Isolation verlorengegangen sind, werden zum Leben wiedererweckt: Beobachtung der unmittelbaren Umgebung, Wahrnehmung des Anderen, aktives Mitfühlen und Mitdenken, um nur einige zu nennen. Zwischendurch führt einen die künstliche Stimme immer wieder auf eine erfundene Reise in die Wüste, wodurch die Fantasie angeregt wird oder Erinnerungen geweckt werden. Für mich persönlich war es wunderschön, mit der jungen männlichen Person B gemeinsam zu lachen, über meine Unfähigkeit ein Lied summen zu können oder zu stottern, weil keiner von uns eine Macke an sich selbst erkennen konnte.

Dies sind bloß Fragmente, lückenhaft“, teilt uns irgendwann die Computerstimme mit, erinnert uns aber immer wieder daran, dass „eines Tages das eine tolle Geschichte sein wird, die wir niemals vergessen werden“. Mein einziges Bedauern ist, dass das Telefonat zu schnell beendet wurde und ich keine Zeit hatte, Namen und Kontaktdaten meines Gesprächspartners zu erfahren. Diese Gelegenheit werde ich hoffentlich im zweiten Teil („Eine Begegnung“, bei dem sich zwei Fremde an einem Tisch, getrennt über eine Plexiglasscheibe, gegenübersitzen) oder spätestens im dritten Teil („Eine Versammlung“, eine Zusammenkunft aller Teilnehmer*Innen) des Projektes nachholen können. Bis dahin ist „Ein Telefonat“ noch bis 22. April zu erleben. 

(https://www.volkstheater.at/stueck/tausend-wege-ein-telefonat/)


(c) Nikolaus Ostermann / Volkstheater
(c) Nikolaus Ostermann / Volkstheater

Ein Treffen mit den Geistern des Volkstheaters

(26. Februar 2021)

 

Klein und groß. Zwei Körbe mit weißen Handschuhen stehen für die Besucher bereit. Ich entscheide mich für die Großen. Dazu kommen noch ein Audiogerät und ein Paar Kopfhörer. Derart ausgestattet beginnt meine Erkundungstour durch das frisch renovierte Volkstheater. Auf dem iPad des Mannes in der Garderobe läuft der Countdown: drei, zwei, eins, los! Seit über einem Jahr ist das Gebäude geschlossen, zuerst wegen seiner Generalsanierung, dann wegen Corona. Mit „Black Box. Phantomtheater für 1 Person“ lädt Stefan Kaegi, bekannt auch von der Gruppe Rimini Protokoll, auf einen Audio-Walk durch mehrere Räumlichkeiten. Kostüm- und Maskenabteilung, Lichtbrücke und Unterbühne, Requisite und Aufenthaltsraum, Souffleurkasten, Kühlraum, Inspizientenpult, VIP-Lounge, Rote Bar – all das und vieles mehr ist begehbar. Überall kann man in die Theaterwelt hineinschnuppern und auch selbst auf der Bühne stehen. Der für seine ortsspezifischen Inszenierungen weltweit hoch geschätzte Schweizer Künstler landet auch diesmal einen Volltreffer.

Alle fünf Minuten geht es für jeweils einen Besucher durch die von Stefan Kaegi eigens für das Volkstheater kreierte Installation. Was mir als erstes auffällt: Überraschend modern ausgestattet sind die WC-Anlagen. Das ist wohltuend und ungewohnt für mich als häufige Volkstheater-Besucherin. Durchaus beeindruckend sind auch die neuen Luftkühlerrohre der Klimaanlage im Keller. Viel Freude spüre ich beim Betreten der hellen, frisch gestrichenen Gänge. Trotz obligater FFP2-Maske ist der Farbgeruch noch immer recht intensiv. „Theater ist Raum, Geruch, Adrenalin, Gemeinschaft“, flüstert mir die Kopfhörer-Stimme ins Ohr. Mit viel Liebe zum Detail sind die Zimmer ausgestattet. Kostüme, Perücken, Schminkutensilien, Postkarten, Fotos, ein automatisches Schießgewehr in einem Violinenkoffer – und noch so vieles mehr, das an vergangene Produktionen des Volkstheaters erinnert. Wie in einem Harry-Potter-Film schaltet sich die Nähmaschine in der Kostümwerkstatt von selbst ein. Auch im Requisiten-Raum scheint es zu geistern: Kunstschnee fällt von der Decke, während eine künstliche Blume in einem Topf „aufblüht“.

Dennoch bietet Kaegis Konzept viel mehr als nur eine visuelle Reise durch das Volkstheater. An jeder Station strömen Geräusche und Gespräche in die Ohrmuschel. Schauspielerinnen, Dramaturgen, Techniker, Requisiteurinnen, Maschinisten sowie Menschen theaterferner Berufsgruppen wie Psychoanalytiker, Architekten und Schüler kommen zu Wort. Es reicht aus, sich von den warmen Stimmen und den Klängen einhüllen zu lassen, die so präzise räumlich sind, dass man ständig versucht, sich umzudrehen, um zu sehen, wer hinter der Schulter spricht, wer hinter dem Rücken flüstert, wer zum Beispiel das Maß des Kopfes und der Brust misst, während man auf einem Hocker sitzt, damit die Näherin Änderungen vornehmen kann.

Letztendlich dreht sich doch alles um die Bühne. Zuerst bekommt man von der Lichtbrücke einen atemberaubenden Blick auf das Plateau – nur etwas für Schwindelfreie. Nach weiteren Stationen darf man unter die ersten Sitzreihen spähen und aus dem winzigen Souffleurkasten auf die Bühne gucken – nix für Klaustrophobe. So nähert man sich langsam der Spielfläche. Noch verweilt man kurz am Rand. Alles ist zeitlich genau getaktet und ausgeklügelt: Man nimmt auf dem Inspizientensessel Platz, darf die Nebelmaschine betätigen, bis man schließlich die Hauptbühne betritt. „Anhalten, wo die Fußabdrücke sind“, sagt die Stimme (von Doris Weiner) ins Ohr. Von vorne ist man von einem Scheinwerfer geblendet, von hinten spürt man eine beachtliche Wärme von einer Reihe anderer Lichtstrahler. Auf einmal wird es dunkel. Nur eine geringe Anzahl von Sesseln im leeren Zuschauerraum wird sanft beleuchtet. Da sitzt eine einsame Person: Es ist der Besucher, der das Theater im fünf-minütigen Zeitfenster vor mir durchwandert. Bis vor Kurzem stand er noch auf der Bühne. Wir schauen uns an und sind von Emotionen überwältigt. Beide sind wir Beobachter und Protagonist zugleich. Diese Szene ist für mich der eindeutige Höhepunkt des unvergesslichen Abends.

Sie sind die subjektive Kamera, doch mit allen Sinnen in Aktion. Sie werden die Aufnahmen nicht auf Film, sondern in Ihrem Hirn festhalten“, so flüstert von Anfang an die Stimme im Kopfhörer. Nach neunzig Minuten ist der Spaziergang durch die intimen Kulissen des Volkstheaters unter der neuen Intendanz von Kay Voges zu Ende. Hoffen wir, dass die Räume wieder von Leben gefüllt werden, dass ein gemeinsames Erlebnis bald ermöglicht wird. Der Prolog dafür ist vollbracht.