(c) Alexander Gotter
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Verbrechen aus Ruhmsucht

(14. Februar 2021)

 

„Ich schaue mir den Rücken der Leute an und stelle mir vor, wie sie fallen würden, wenn ich auf sie schießen würde“ – so denkt ein Amokläufer. Aber was bringt jemanden dazu, andere Menschen umzubringen? Den Versuch einer Reise zu den Motiven eines solchen Tobsüchtigen unternimmt der Philosoph Jean-Paul Sartre in seiner Erzählung „Herostrat“. Darin geht es nicht um den altgriechischen Brandstifter Herostratos, der vor zweitausend Jahren lebte und durch die Zerstörung des Artemis-Tempels von Ephesus, eines der sieben Weltwunder der Antike, zu unsterblicher Berühmtheit gelangen wollte. Bei Sartres Protagonisten handelt es sich um Paul Hilbert, einen Angestellten, der in einer Handelsfirma arbeitet und allein in einer Pariser Wohnung im sechsten Stock eines Wohnhauses lebt. Wobei die Höhe hier von Bedeutung ist. „Die Menschen muss man von oben sehen“, mit diesem Satz beginnt Hilbert seine Geschichte. Diese Höhe versetzt ihn in den Stand, Menschen aus einem anderen Blickwinkel zu sehen, was ihm ein Gefühl der Überlegenheit vermittelt.

Die Erzählung ist 1939 geschrieben worden, doch ist sie aktueller denn je. Paris, Brüssel, London, Halle, Maelbeek und vor ein paar Monaten Wien. Ein „Oaschloch“, ein Mann, fast immer ist es ein Mann, der das Bedürfnis hat, ein Massaker anzurichten. Doch in Kai Krösches Dramatisierung von Sartres Kurzgeschichte, die Anfang Februar im Werk X-Petersplatz gezeigt wurde, wird der Täter von einer Frau verkörpert. Schauspielerin und Performerin Victoria Halpert ist Paul Hilbert. Sie trägt einen weißen Overall. Es fehlt nur noch die Maske und man könnte meinen, Victoria Halpert wäre ein im Kampf gegen das Coronavirus engagiertes Sanitätspersonal. Eine geschickte Täuschung, die von Anfang an für Aufmerksamkeit sorgt.

Bis auf die weibliche Darstellerin bleibt Regisseur Kai Krösche der Erzählung treu. Victoria Halper erzählt, wie Paul Hilbert eines Tages einen Revolver erwirbt und diesen in seiner Hosentasche trägt, wenn er über die Pariser Boulevards flaniert. Allmählich empfindet er den Zwang, von Zeit zu Zeit nach dem „Gegenstand“ zu tasten. Und eines Abends, als er sich aufmacht, um wie gewöhnlich nach einer Prostituierten zu suchen, kommt ihm der Gedanke, auf Menschen zu schießen. Seitdem Hilbert diesen Entschluss gefasst hat, geht er nicht mehr ins Büro. Bald wird er entlassen. Seine freie Zeit nutzt er, um einen Brief zu entwerfen, von dem er hundertzwei Kopien anfertigt, die er an genauso viele Schriftsteller schickt, um sie darin über sein Vorhaben zu informieren: „Sicher sind Sie neugierig, nehme ich an, zu erfahren, wie ein Mensch aussieht, der die Menschen nicht liebt. Nun – so einer bin ich, und ich liebe sie so wenig, dass ich sogleich ein halbes Dutzend von ihnen töten werde. Vielleicht werden Sie sich fragen: warum nur ein halbes Dutzend? Mein Revolver fasst nur sechs Patronen“ – fünf davon sind für Passanten, die ihm begegnen werden, die sechste Kugel wird er vielleicht sich selbst verpassen, um einer Verhaftung zu entgehen. Ist die Entlassung eines der möglichen Motive für das Verbrechen von Paul Hilbert? Sartres Täter fühlt sich seiner Umgebung entfremdet. Er sucht etwas Bestimmtes, um die Blicke auf sich zu lenken, womit er Stolz empfinden kann, das Gefühl, etwas Besonderes zu sein.

Victoria Halper versteht es hervorragend, Paul Hilberts geistige Verwirrung und gestörte Persönlichkeit widerzuspiegeln. Sie entpuppt sich als Meisterin der Verwandlung, vor allem in der Szene mit der Prostituierten, einer reglosen Puppe. Paul Hilberts Verhältnis zu Frauen ist gestört. Er verlangt von ihnen, vor ihm entkleidet im Zimmer auf und ab zu gehen, bis er in seine Hose ejakuliert. Der intime Verkehr mit einer Frau lässt ihn befürchten, „bestohlen worden zu sein“. Es ist nicht nur das Make-Up, das verstörte Gesicht, das Hilberts Neurose anschaulich macht. Halpers Stimme, ihre gesamte Körperhaltung sind überzeugende Beweise von der Neigung des Protagonisten zum Morden.

Dazu kommen noch eine Reihe verstörender Visionen. Während im Hintergrund eine diffuse Masse von nackten, gesichtslosen Frauen sich profiliert, werden immer wieder Textteile und Videos von Bombenangriffen (Sartres Erzählung ist kurz vor Ausbruch des Zweiten Weltkrieges erschienen) auf die durchsichtige Leinwand, die das Publikum von der Bühne trennt, projiziert. Verantwortlich für die Visuals zeichnen Matthias Krische und Kai Krösche. Den beiden gelingt es, den schmalen Grat zwischen Gut und Böse souverän darzustellen. Sorgfältig ausgewählte Musik unterstreicht die Konfliktsituation und weckt Emotionen. Nicht zuletzt erinnert das nüchterne Bühnenbild an die Wüste der Zerstörung, die der Zweite Weltkrieg hinterlassen hat: Im starken Kontrast mit der umgebenden Dunkelheit stehen mittig auf der Bühne ein gedeckter Esstisch, sechs Stühle und versteinerte Menschen – alle leuchten in reinem Weiß. Es wirkt, als wären die Menschen im letzten Moment ihres Lebens erstarrt (Raum: Matthias Krische).

Gegen Ende schreitet Victoria Halper zum Wiener Graben hinaus. In einer Hand hält sie eine Videokamera, in der anderen den Revolver. Welche Passanten sie auswählen wird, sei hier nicht verraten. Es sei nur so viel gesagt, dass alle unverletzt bleiben. Kai Krösche ist eine außergewöhnliche Bühnenumsetzung von „Herostrat“ gelungen. Dass die Produktion als interne Voraufführung im Theatersaal des Werk X-Petersplatz unter strikter Einhaltung der Corona-Maßnahmen überhaupt gezeigt werden konnte, lässt einen Hoffnungsschimmer aufkommen, dass der Theaterbetrieb dennoch zeitnah wieder aufgenommen werden kann.