Das zweite Kommen der Marsmenschen oder

 Eine grenzenlose Zukunft für das rumänische Radiotheater

 

Oana Cristea-Grigorescu

(28. Juli 2020)

 

            Der 30. Oktober 1938 ist ein Meilenstein in der Geschichte des Radiotheaters. An dem Tag überzeugte Orson Welles' genial inszeniertes Hörspiel nach dem gleichnamigen Roman „Krieg der Welten“ von H. G. Wells die Zuhörer von der Invasion der Außerirdischen. Diese Radio-Sendung entpuppte sich zum besten Beweis für die Kraft der Tonkunst. Seitdem wurde die Leichtgläubigkeit und Vorstellungskraft der Menschen ausgenutzt, sodass die Revolution der digitalen Technologie die Tonkunst als Kommunikations- und Manipulationsmedium umdefiniert hat. Auch heutzutage kann uns Radiotheater jederzeit vom zweiten Kommen der Marsmenschen überzeugen.

            Am 18. Februar 2019 feierte das rumänische Radiotheater neunzigjähriges Bestehen. Von Anfang an wurden spezifische Ausdrucksmittel betreffend Regie, Hörspielsprecher, nicht zuletzt Ersatz der Bildgestaltung im Klangraum festgelegt. Durch seine breite Adressierbarkeit hat sich das Radiotheater schnell als beliebte Kunstform durchgesetzt. Dazu hat auch das erklärte Ziel, wichtige Literaturwerke bzw. Theaterstücke für das Radio zu adaptieren und zu erzählen, beigetragen. Zwei Richtungen für die Gestaltung von Audio-Drehbüchern haben sich inzwischen etabliert: zum einen die Radio-Adaption eines vorhandenen Dramas, zum anderen das Schreiben von eigens für den Ton konzipierter Originaldrehbücher. Im letzteren Fall wird der Ton zum Bedeutungsträger und eilt oft als Vermittler der Geschichte dem Wort voraus. Unabhängig von der Art des Drehbuchs haben Autoren des Radiotheaters in den letzten Jahrzehnten Erfahrungen aus der Filmbranche übernommen (Regisseure sind in der Regel gleichzeitig Drehbuchautoren), wodurch Texte für das Radio nach dem Vorbild der Filmdrehbücher kreiert werden. Parallel dazu wird die dazugehörige Tonkommunikation (Atmosphäre und Musik) entwickelt. Es geht nicht mehr darum, eine Geschichte abzubilden, sondern den Hörer in Raum und Atmosphäre der Tonhandlung eintauchen zu lassen. Dieser Artikel zielt darauf ab, die Innovationswege und Erneuerungsmittel von drei rumänischen Künstlern – Mihnea Chelaru, Ilinca Stihi und Attila Vizauer –, die einen wichtigen Beitrag zur international anerkannten Genre-Dynamik geleistet haben, zu präsentieren.

 

            Der mehrfach für seine Radioproduktionen ausgezeichnete Regisseur und Toningenieur Mihnea Chelaru bevorzugt es schon im Vorfeld, das Tonmaterial nach den Prinzipien des Filmdrehbuches in als Orchesterpartituren polyfon konzipierte Richtungen zu lenken. Weitere wichtige, konsequent eingesetzte Konzepte sind der filmschnittähnliche Charakter der Szenen und der methodische Wechsel zwischen den Erzählebenen, um der Produktion Rhythmus und Dynamik zu verleihen. Darüber hinaus ist Chelaru ein Regisseur, der sich mit der realistischen Interpretation von narrativen Themen befasst. Dementsprechend wird das Mikrofon zu einem einzigartigen Schalter zwischen Realität und der Gedankenwelt der Charaktere. Die der Musik entlehnte Technik des Leitmotivs treibt die Überlappung von Zeitebenen voran und unterstützt das Weben von Erzählsträngen.

            Ilinca Stihi ist eine komplexe Künstlerin, die ebenso wie Mihnea Chelaru an der Universität für Filmregie ihre Ausbildung abgeschlossen hat. Sie ist zugleich Drehbuchautorin und alleinige Schöpferin ihrer Radioshows, vom Drehbuch bis zur Nachverarbeitung des Tons. Stihi verwendet oft literarische Quellen als Vorwand für eine Klanginterpretation, die über den Rahmen des Originaltextes hinausgeht. In Stawrogins Geständnis signiert Doina Papp die Dramatisierung des letzten Kapitels von Dostojewskis Roman „Die Dämonen“. Das Hörspiel verstärkt Stawrogins schlechtes Gewissen. Die Produktion verfolgt einen narrativen Ansatz, der auf der literarischen Quelle basiert. Jedoch liegt der wahre Anlass in der Suche nach den Verantwortlichen für die unschuldigen Opfer repressiver Regime. Das Lied „We are young“ war der Ausgangspunkt für „Black Bible of William Blake“, in der die Beziehung der neuen Generation zur Welt untersucht wird. Ilinca Stihi erzeugt ein einheitliches Klanguniversum, in dem Ton und Wort ineinander verschmelzen. Der Übergang von einer Klangebene zur anderen bezieht sich auf die Technik der unendlichen Wagner-Melodie. Die Szenen sind nicht abgegrenzt, die Tonebenen werden miteinander verknüpft, wodurch der Ideenzusammenhang, trotz der Fragmentierung des logischen Erzählstrangs, zueinander hergestellt ist. Daraus ergibt sich eine akustische Schalldichte. Ein weiteres Beispiel für die umfassende Integration des Zuhörers in den Klangraum ist die Produktion „Vele“ (Originaldrehbuch von Ilinca Stihi), die um ein immersives 3D-Surround-Sound-System erweitert wurde.

            Attila Vizauer wechselte aus der Theaterregie zum Radiotheater. Dadurch brachte er die traditionelle Arbeitsweise eines osteuropäischen Regisseurs mit, die sich an das Schälen der vielfältigen Bedeutungen des Textes orientiert. Im Radiotheater ist er eher daran interessiert, neue Ausdrucksmittel der Aussprache am Mikrofon zu finden. In diesem Sinne stellte „Platons Dialoge. Kriton“ eine große Herausforderung dar. Das Ergebnis verdeutlichte, dass die Interpretation bedeutender philosophischer Texte am Mikrofon einer archäologischen Arbeit ähnelt. Das setzt eine aufmerksame Untersuchung der Details und eine enge Zusammenarbeit mit den Schauspielern voraus. Dadurch erhält der Tonraum im Hintergrund nur eine minimalistische Formgestaltung. Entscheidend ist es, den Sinn der Ideen der Lektüre zu offenbaren. Durch diese besondere Art der Wortbehandlung wünscht der Regisseur, den Zuhörern universelle Ideen der europäischen Kultur zu signalisieren. Die gleiche Technik ist in der Produktion „Orpheus' Reise“ wiederzufinden. In diesem Fall wurde das Radiodrehbuch vom gesamten Team erarbeitet. Orpheus' Mythos wird von den Schauspielern in einer selbsterfundenen Sprache erzählt. Die Wörter sind mit der von Mădălin Cristescu komponierten Tonpartitur verwoben. Der Regisseur überträgt die Bedeutung der Worte in die Energie, mit der sie ausgesprochen werden. Die Tiefe der Tonebenen wird am Mischpult erzeugt. Sie ist gleichwertig mit Orpheus' Reise in die Unterwelt. Durch das speziell für die Kopfhörer erzeugte binaurale Ergebnis wird ein vollkommenes Eintauchen des Zuhörers in das Klanguniversum erreicht.. In diesem Fall besteht das Drehbuch nur aus Dialogen in der vom Regisseur erfundenen Sprache. Die Vielzahl der Klangebenen und -strukturen ist im Drehbuch nicht festgehalten. Diese entsteht in der Postproduktion, durch Experimentieren. In dieser Produktion sind die Beiträge des Regisseurs und des Toningenieurs nicht mehr strikt unterscheidbar. Im Gegenteil, Regie und Sound-Design verschmelzen in Harmonie zu einem Ganzen. Und das wird sich auch in den weiteren Radiotheateraufnahmen nicht ändern.

 

            Von Anfang an machten die Aufzeichnungsbeschränkungen im Radiotheater das Mikrofon zum Spielpartner des Schauspielers. Dennoch gehört dies immer mehr der Vergangenheit an, da sich mit der Zeit große Veränderungen im Aufzeichnungsprozess ergeben haben. Das aus dem Kino exportierte Modell rückte den Schauspieler aus dem Studio hinaus. Heutzutage wird an den Orten aufgezeichnet, an denen die Handlung tatsächlich stattfindet: in Wohnungen, Wäldern und Büros, oder auf Straßen, und, soweit möglich, zu den im Drehbuch festgelegten Uhr- und Jahreszeiten. Das Erfassen der Stimmen in Umgebungen, die der Akustik des im Drehbuch beschriebenen Raums möglichst nahe kommen, ist eine raffinierte Methode, um der Stimme das im Radiotheater fehlende Bühnenbild zuzuordnen und die Dynamik des Raums passiv wahrzunehmen. Diese Arbeitsweise setzt einen Schauspielereinsatz in kurzen Sequenzen voraus, gruppiert nach dem Aufführungsort und nicht nach der Chronologie der Handlung. Dies erfordert Schnelligkeit und gute Konzentration der Schauspieler. Mit leicht handhabbarer Spannung erzeugt der Regisseur kurzfristig schauspielerische Energie. Alle drei vorgestellten Regisseure verlangen vom Schauspieler eine realistische filmähnliche Interpretation, die zu feinen Nuancen verarbeitet wird. Das Mikrofon agiert ähnlich einer Videokamera, um die Modulation der Stimme in den Vordergrund zu rücken.

            Die Klangraumarchitektur ist das Ergebnis der Arbeit des Tontechnikers. Auch sie nähert sich der Filmmusik als dynamischer Partner der Handlung. Die Mehrkanal-Bearbeitungssoftware ermöglicht komplexe Klangstrukturen und eine Klangtiefe, die sich auch bei einer einfachen Stereowiedergabe bemerkbar macht. Die durch die binaurale Ausstrahlung oder das 3D-Surround-Sound-System erzeugte Tonkraft ist ein erfolgreicher Ersatz für das fehlende Bild, wobei die Vorstellungskraft des Zuhörers häufig in der Lage ist, ein Gefühl der Raumanwesenheit zu erzeugen, das stärker als das Bild ist. Hinzu kommt auch die musikalische Leitung, die in den letzten Jahrzehnten ebenfalls radikal überdacht wurde. Musikalische Illustration im traditionellen Sinne ist zu einem Klischee geworden, das man meiden sollte. Die Regisseure bevorzugen Originalmusik, die für eine bestimmte Produktion speziell komponiert wird, oder greifen auf musikalische Themen zurück, die für verschiedene Instrumente oder Rhythmen neu interpretiert und neu transkribiert werden. Die Schauspieler leisten einen wichtigen Beitrag. Ihre Stimme wird oft für die musikalische Qualität oder, im Gegenteil, für unvollkommene, grobe, im Falsett simulierte Interpretationen der mit der Figur verbundenen musikalischen Themen verwendet. Um Ilinca Stihi zu zitieren: „Musik hat nicht länger die Rolle, nur Emotionen zu erzeugen, sondern hat eine eigene Bedeutung erlangt“.

 

            Die Leidenschaft der drei hier porträtierten Regisseure, neue Ausdrucksformen zu erforschen und rumänische Künstler mit der internationalen Szene zu synchronisieren, hat 2013 zur Gründung des internationalen Radiotheaterfestivals Grand Prix Nova geführt. Es wird von Radio Romania organisiert und ist der Innovation gewidmet. Gab es am Anfang nur zwei Sektionen (Radio Drama und Short Forms), hat sich der Umfang des Festivals während seiner acht Auflagen durch eine Vervielfältigung der Bereiche gesteigert. Die 2017 ins Leben gerufene Sektion der binauralen Produktionen erkennt den Beitrag dieser speziellen Technologie zur künstlerischen Umsetzung an. Grand Prix Nova ist eine Visitenkarte der Redaktion des Nationalen Radiotheaters, bietet aber auch ein Umfeld zur Anregung von Experimenten und Innovationen im Bereich des Radiotheaters an, das mit dem Online-Podcast, unabhängig vom Programm der Radiosender, eine Wiedergeburt erlebt.

 

aus dem Rumänischen von Irina Wolf