(c) Neofelis Verlag
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Vorhang auf für eine lebendige, oftmals erstaunliche Leseerfahrung!

 Von Irina Wolf

 

Seit 2018 werden mit der Reihe „Drama Panoramaˮ des Berliner Neofelis Verlags Zugänge zu zeitgenössischen Theatertexten aus anderen Sprachräumen eröffnet. Die im November 2021 als fünfter Band in der Serie erschienene Anthologie Mauern fliegen in die Luft der Herausgeberinnen Franziska Muche und Carola Heinrich versammelt neun Stücke aus dem iberoamerikanischen Sprachraum. Die Zusammenstellung von je zwei Texten aus Chile und aus Uruguay sowie von je einem Stück aus Argentinien, Kolumbien, Kuba, Mexiko und Spanien – insgesamt sind es sieben Länder und drei Kontinente – schafft es auf eindrucksvolle Weise, Realitäten sichtbar zu machen und einen Einblick in den Status quo zeitgenössischer Dramatik des spanischsprachigen Kulturraums zu bieten.

 

Der Stückauswahl liegt eine breit angelegte Recherche zugrunde, wie in der Einleitung dargelegt wird. Tatsächlich vermittelt Mauern fliegen in die Luft einen poetisch-realistischen Querschnitt des Besten, was die iberoamerikanische Dramatik der letzten zehn Jahre zu bieten hat. Gleich das erste Stück des kolumbianischen Dramatikers Fabio Rubiano Orjuela bestimmt den Titel des Buches. Im Land an der Nordspitze Südamerikas ist der Alltag der Bevölkerung vom Terror geprägt. Gewalt ist an der Tagesordnung. Dieses Anliegen ist auch in weiteren Texten der Anthologie zu erkennen. Machtspiele, Gewalt und Korruption, Krieg und Ausbeutung als Begleiter der Mächtigen erinnern an Grenzverletzungen, Übergriffe und Missbrauch. Beste Beispiele dafür sind Itzel Laras Bis zur Unkenntlichkeit und Santiago Sanguinettis Die ewige Wiederkehr der Revolution in der Karibik. Letzteres ist Teil II einer „Trilogie der Revolutionˮ. Die Lektüre macht Lust, die beiden anderen Teile zu lesen. Beide Beispiele greifen sehr individuell die weitreichenden gesellschaftlichen Veränderungen in Mexiko und Uruguay auf und zeigen ein Spektrum an gegenwärtigen sowie vergangenen sozialen und politischen Diskursen.

 

Im Mittelpunkt eines jeden Stückes steht, wen wundert's, eine Mauer. Jedoch beziehen sich die „Mauernˮ aus dem Titel nicht nur auf die Kluft zwischen Arm und Reich, sondern auch auf Kontraste zwischen Mensch und Natur (Gegen den Baum von Manuela Infante/Chile) sowie auf Gegensätze in unseren Köpfen bzw. auf Genderfragen (Entfesselt von Marie Alvarez/Argentinien) oder auf Grenzen der Kommunikation und zwischenmenschlichen Beziehungen (Barbarei von Sergio Blanco/Uruguay). Schließlich reflektiert der chilenische Autor Guillermo Calderón in Dragón über die Rolle der Kunst. Wird im ersten Teil des Buches der Eindruck erweckt, dass im iberoamerikanischen Raum Gewalt und Aggression überwiegen, so ist der zweite Teil von Poetik geprägt, ungeachtet dessen, dass sich düstere Bilder der Migrationsbewegungen und Umweltzerstörungen zeigen. Demnach sagt mein Instinkt, dass die Reihenfolge der Texte nicht dem Zufall entspringt. Überhaupt lässt das letzte Stück Meine Zeit, mein Tier von Lola Blasco (Spanien) Raum für Hoffnung.

 

Die Anthologie besticht nicht nur durch die breite Palette an unterschiedlichsten Themen, sondern darüber hinaus durch die Vielfalt der Formen und Stilmittel: absurd, expressiv, fantastisch, grotesk-komisch, irreal und surreal. Anspruchsvolle Monologe regen zum Nachdenken an, lebendige Dialoge beleben die Figuren und machen etliche Texte so spannend, dass man das Buch nicht aus der Hand legen möchte. Dies zeugt zudem von der hervorragenden Arbeit der Übersetzerinnen. Überraschenderweise agieren die Herausgeberinnen auch als Übersetzerinnen, vor allem Franziska Muche, die nicht weniger als fünf Stücke ins Deutsche übertragen hat (eines davon zusammen mit Hedda Kage). Bemerkenswert ist außerdem, dass Miriam Denger, die vierte Übersetzerin im Bunde, für das Vorwort verantwortlich zeichnet. „Übersetzer*innen übersetzen nicht nur Inhalte und Form, sondern sehen sich auch mit Fragen der Übertragbarkeit kultureller Kontexte konfrontiert“, macht sie in ihrem Vorwort deutlich. Beeindruckendes Beispiel hierfür ist das sechsseitige „Glossarˮ, das Rogelio Orizondos Stück Antigonón abschließt und in dem Miriam Denger über sieben Jahre (!) ihre Anmerkungen zusammengetragen hat, um die historischen Persönlichkeiten aus der Zeit der kubanischen Unabhängigkeitskriege sowie Begriffe und Zitate, in der Reihenfolge ihrer Erwähnung im Stück, zu veranschaulichen.

 

Visuelles Material – neun Farbabbildungen – sowie Informationen zu Uraufführungen der abgedruckten Stücke vermitteln einen lebendigen Eindruck von der iberoamerikanischen Theaterszene. Auffallend ist ebenfalls, dass mehr als die Hälfte der Autor*Innen auch Regisseur*Innen sind bzw. haben ihr Stück selbst auf die Bühne gebracht haben. Ferner ist zu erwähnen, dass die Genderquote ausgeglichen ist: Die Herausgeberinnen Franziska Muche und Carola Heinrich schaffen es, ein Gleichgewicht im Anteil der Autorinnen und Autoren herzustellen. Schließlich kreiert die Grafikdesignerin Marija Skara mit ihrer türkis-roten Umschlaggestaltung ein Softcover, das genau den Kern der Anthologie erfasst: Wie schafft man es, sich im Meer aus Katastrophen nicht zu verlieren? Denn die Stücke behandeln ein breites Spektrum an Mauern und zugleich unterschiedliche Strategien, um die Grenzen zu überwinden. Also bleibt die Frage offen, ob das blutige Rot letztendlich Überhand gewinnen oder ob sich die türkise Meeresfarbe als Symbol einer besseren und friedlicheren Welt durchsetzen wird. Neben der literarischen Qualität der Stücke eine grafische Einladung, sich auf das Buch einzulassen, um einen eingehenden Blick über die vielschichtige spanischsprachige Dramatik zu erhalten.

 Irina Wolf ist Theaterkritikerin und freie Journalistin.

 

Franziska Muche / Carola Heinrich (Hrsg.)

Mauern fliegen in die Luft.

Theatertexte aus Argentinien, Chile, Kolumbien, Kuba, Mexiko, Spanien und Uruguay.

Neofelis Verlag, Berlin 2021.

436 Seiten, 20 EUR.

ISBN-978-3-95808-342-4

 

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(siehe auch www.aurora-magazin.at vom 20.03.2022)