
„Wir verkaufen Ziegelsteine und bauen ein Theater“
(12.11.2025)
In neuneinhalb Jahren ließen die Künstlerin Chris Simion-Mercurian (Regisseurin und Schriftstellerin) und ihr Ehemann Tiberiu Mercurian (Marketing-Spezialist) ein privates Theater in Bukarest errichten. Das Besondere daran: 14.000 Personen beteiligten sich finanziell an dem Projekt! Die Gesamtkosten belaufen sich bisher auf 4,5 Millionen Euro. Das Grivița53-Theater trägt außerdem zur Revitalisierung eines symbolträchtigen Viertels bei, des historischen Grivița-Stadtteils, das in der Zwischenkriegszeit als Pariser-Pendant zum Montmartre galt. Das Theatergebäude wurde während des Nationaltheaterfestivals, das Ende Oktober in der rumänischen Hauptstadt stattfand, eingeweiht. Da hatte ich die Gelegenheit, mit Tiberiu Mercurian zu sprechen. Außerdem gab es im Theater eine Ausstellung mit zahlreichen Gegenständen aus dem Haus von Chris Simion-Mercurians Großmutter zu sehen, deren Verkauf als Startkapital des Projektes verwendet wurde.
Irina Wolf: Beginnen wir von Anfang an: Wie kam es dazu, ein neues Theater von Null aufzubauen?
Tiberiu Mercurian: Das ist ein Gedanke, mit dem Chris spielt, seit sie jung war, seitdem sie ihren Abschluss bei der Theaterakademie in Bukarest gemacht hat. Ihre Karriere war hauptsächlich in der unabhängigen Theaterszene. 2015 ist sie irgendwann nach Hause gekommen und hat gesagt, dass wir selbst etwas versuchen müssen, weil es mit dem rumänischen Staatssystem nicht mehr funktioniert. Sie hatte die Schnauze voll. Und da fingen wir an, ein Grundstück zu suchen. Sie hatte ein Haus, das ihrer Großmutter gehörte, und sie hat dieses Haus verkauft. Mit dem Geld haben wir das Grundstück in Griviţa 53 (Anm. d. Ü. Es handelt sich um die Straße Griviţa Nr. 53) gekauft. So hat das angefangen.
Irina Wolf: Warum genau dieses Grundstück?
Tiberiu Mercurian: Wir haben in ganz Bukarest gesucht. Bukarest ist irgendwie atypisch, weil Theater nur im Zentrum der Stadt passiert. Deswegen musste das Grundstück im Zentrum sein. Das war eine Voraussetzung. Ich glaube, in dem Sommer als wir zu suchen anfingen, kannten wir alle Grundstücke, die zum Verkauf in ganz Bukarest angeboten wurden. Aber irgendwie wollte sich Chris der Gegend im Zentrum dann doch nicht nähern. Also habe ich vorgeschlagen, dass wir uns auch im Stadtviertel Griviţa umschauen. Und als sie auf Griviţa kam, war es Liebe auf den ersten Blick. Eine Voraussetzung, die wir dem Immobilienmakler genannt hatten, war, dass das Grundstück eine positive Energie ausstrahlen soll. Probieren Sie mal ein Grundstück mit positiver Energie in Google zu finden! Und als wir in der Straße Calea Griviţa Nr. 53 ankamen, stimmte auch die Energie.
Irina Wolf: Was war hier früher?
Tiberiu Mercurian: Es war ein ganz normales Haus, ich würde sagen ein einfaches, altes, kaputtes Haus. Wir sind in der Nachbarschaft vom Bahnhof, was in allen Großstädten als „bunte“ Gegend betrachtet wird. Und so war es auch in Calea Griviţa. Vor allem dieser alte Teil der Straße, vom Bahnhof bis Calea Victoriei, wurde zwischen den zwei Weltkriegen das Montmartre von Bukarest genannt. Eben weil es so bunt war, eine ganz interessante kulturelle Mischung zwischen Händlern und unterschiedlichen Sozialschichten. Und es hatte die positive Energie, es hat unseren Wünschen entsprochen. Ich habe gesehen, dass die Wahl stimmt, da schon Sponsoren aus Norwegen Interesse an dem Projekt zeigten.
Also am Anfang hatten wir nur das Geld vom verkauften Haus, um das Grundstück zu kaufen. Und wir wussten, auch von Anfang an, dass wir es alleine nicht schaffen werden. Deswegen war es für uns wichtig, die gesamte Gemeinschaft zu sensibilisieren, um Menschen auf unsere Seite zu bringen. Von Anfang an war der Gedanke da, dass wir es gemeinsam schaffen werden. So haben wir unterschiedliche Kampagnen erstellt und uns interessiert, von wo wir Finanzierungen bekommen können. 2019 haben wir über die norwegischen Fonds, EAA Grants, erfahren. Das war eigentlich der Startpunkt. Damit hatten wir das Geld, um den Bau beginnen zu können. Viele Privatsponsoren interessieren sich für ein Projekt nur dann, wenn sie etwas tatsächlich sehen. Projekte und Träume gibt es viele in Bukarest. Wenn man nur eine Fläche, ein Grundstück sieht, ist das nichts. Aber wenn da eine Baustelle ist, dann ist es ein Traum, der sich verwirklicht. Und das war der Punkt, an dem viele angefangen haben mitzumachen. Ohne die Hilfe der Sponsoren, Privatpersonen und Firmen, hätten wir es nicht geschafft. Wir haben viele Kampagnen durchgeführt. Unsere Kampagne lautete: „Wir verkaufen Ziegelsteine und bauen ein Theater“. Und wir haben eine Gemeinschaft, die zurzeit bei über 14.000 Privatpersonen liegt, die irgendeine Summe gespendet haben.

Irina Wolf: Deren Namen auf der Wand im Foyer sind. Ich habe meinen auch gefunden. Diese Idee mit den Leuchten finde ich gut, weil man sonst seinen Namen nicht ausfindig machen könnte.
Tiberiu Mercurian: Wir haben den Leuten von Anfang an gesagt, dass sie ihren Namen im Foyer finden werden. Und dieses Versprechen haben wir gehalten. Die Firmennamen, die im Foyer sind, die haben auch unterschiedliche Summen gespendet.
Irina Wolf: Oben sind noch freie Plätze bei den Ziegelsteinen.
Tiberiu Mercurian: Ja, wir haben freie Plätze gelassen, weil wir die Ziegelsteine in unterschiedlichen Kampagnen verkauft haben: online, offline. So hatten wir unterschiedliche Datenbanken, bis wir alle Sponsoren identifizieren. Und vielleicht kommt noch etwas, weil man ja laufend Geld braucht.
Irina Wolf: Wir sitzen hier im großen Saal, verstehe ich das richtig?
Tiberiu Mercurian: Ja, das ist der große Saal. Er ist 7,5 Meter breit und 14,5 Meter lang. Wir haben eine multifunktionale Bühne, die ungefähr 8 Meter tief und 7,5 Meter breit ist, 10,5 Meter hoch mit einer Technikbrücke und einem Balkon für das Publikum. Für ein privates Theater in Bukarest ist das sehr gut. Hinzu kommen diverse Räumlichkeiten: ein Café, eine kleine Bibliothek und mehrere Ausstellungsräume.

Irina Wolf: Das sind also 240 Plätze?
Tiberiu Mercurian: Nein, 140: im Erdgeschoss 100 Plätze und 40 auf dem Balkon.
Irina Wolf: Und das wird jetzt mit einer One-Woman-Show eröffnet?
Tiberiu Mercurian: Die One-Woman-Show basiert auf einem Text geschrieben von Nora Iuga, Mitglied der Griviţa53-Community. Der Text wird am 24. Oktober um Mitternacht gelesen und gespielt von der Schauspielerin Rodica Mandache. Ich möchte auch das künstlerische Konzept des Theaters hervorheben: Es werden Dramatisierungen zeitgenössischer Literatur und Texte inszeniert, die speziell für Griviţa53 geschrieben werden. Wir sind ein Projekttheater, also ohne eigene Theatergruppe.
Irina Wolf: Das heißt, es werden am Anfang nur rumänische Texte sein?
Tiberiu Mercurian: Nicht unbedingt. Chris' Karriere basiert hauptsächlich auf Dramatisierungen von zeitgenössischer Literatur von Pascal Bruckner, von Frédéric Beigbeder, von Éric-Emmanuel Schmitt, später auch von Jan Fosse.
Irina Wolf: Und haben Sie schon ein konkretes Projekt?
Tiberiu Mercurian: Ja. Es sind Künstler, die zusammen mit Regisseur Ştefan Lupu an der ersten Produktion arbeiten. Die Premiere wird Anfang Dezember stattfinden. Wichtig ist, dass wir in Griviţa53 kein klassisches Theater spielen werden. Es werden grenzübergreifende Projekte sein, eine Mischung aus Theater, Tanz usw. Wir wollen in unserem Theater die Schauspieler ein bisschen aus der Komfortzone herausnehmen.
Irina Wolf: Und Ştefan Lupu wird Regie führen?
Tiberiu Mercurian: Ja, er führt Regie. Er hat ein Casting gemacht. Es ist ein Stück, inspiriert von der Geschichte des Theaters, aus unserem Projekt. Mehr kann ich zur Zeit nicht verraten. Aber es sind schon weitere Projekte geplant. Wir haben Gespräche mit unterschiedlichen Regisseuren geführt und es gibt ein Programm, das bis zum Sommer nächsten Jahres festgelegt ist. (Anm. d. Ü. Das Theater Grivița53 wird Anfang Dezember mit „5+3=9“ eröffnet. Mit über 15 Jahren Erfahrung in den darstellenden Künsten als Schauspieler, Choreograf und Regisseur erforscht Ștefan Lupu physisches Theater, Bühnenbewegung und zeitgenössischen Tanz und schafft so emotionale und zugleich humorvolle Erlebnisse.)
Irina Wolf: Ungefähr wie viele Produktionen pro Jahr planen Sie?
Tiberiu Mercurian: Es ist schwer zu planen. Selbstverständlich haben wir einen Plan, aber unser Weg ist ein frischer Weg, ein ganz neuer. Wir planen am Anfang, in den ersten drei Monaten zwei bis drei Premieren herauszubringen und danach jeden zweiten Monat eine neue Premiere. So lautet der Plan. Wir arbeiten mit vielen Künstlern zusammen, und im Künstlerbereich habe ich als Unternehmer gelernt, dass Planen sehr variabel ist. Man muss flexibel sein. Und die Finanzierung geht weiter. (Anm. d. Ü. Die Proben mit Choreografin Andreea Gavriliu beginnen im Januar, mit Regisseur Alexandru Dabija im März. Anschließend sind Aufführungen von Tompa Gábor, Eugen Jebeleanu, Botond Nagy und weiteren Regisseuren geplant, mit denen bereits Gespräche geführt wurden. Grivița53 soll ein lebendiger, kreativer Raum werden, in den man sich verliebt, in dem man gerne verweilt, mit dem man sich identifiziert. – Quelle: Chris Simion-Mercurian in https://fnt.ro/2025/chris-simion-mercurian-grivita53-este-un-spatiu-care-se-creeaza-chiar-acum-de-toti-cei-care-ii-trec-pragul/)
Irina Wolf: Läuft die weitere Finanzierung noch immer über solche Ziegelsteine? Oder bekommen Sie auch vom Staat oder von der Stadt eine finanzielle Unterstützung?
Tiberiu Mercurian: Leider noch nicht. Es gibt keine gesetzliche Basis, durch die der Staat Privatprojekte unterstützten könnte. Es gibt nur die Finanzierungen pro Projekt, keine langfristige, über mehrere Jahre geplante Finanzierung. Wir versuchen, uns selbst zu finanzieren. Das hatten wir eigentlich von Anfang an vor, als wir den Saal geplant haben. Wir haben einen Businessplan gemacht und festgestellt, dass wir bei 140 Sitzplätzen den wirtschaftlichen Ausgleich mit den Aufführungen erreichen werden. Wir planen also die laufenden Kosten aus Kartenverkauf zu schaffen. Zusätzlich gibt es viele Möglichkeiten, das Gebäude zu vermieten.
Irina Wolf: Es wird also auch Gastspiele geben?
Tiberiu Mercurian: Es wird auch Gastspiele geben. Wir planen, zum Beispiel im Frühjahr eine wichtige Theatergruppe für drei Wochen nach Bukarest zu bringen. Aus dem Ausland. Ein sehr großer Name, ich kann Ihnen zur Zeit nicht viele Details geben, aber es wird irgendwann Mitte März sein (Anm. d. Ü. Inzwischen ist bekannt, dass es sich um Eugenio Barba & Odin Teatret handelt). Das ist eine Premiere für Bukarest. Und wir planen auch andere Events hier zu machen, so dass wir finanziell zurechtkommen. Wir wollen uns selbst finanzieren, wir wollen unabhängig bleiben bis zum Ende. Das heißt, wir können den Saal oder das ganze Gebäude nicht nur für Theater oder für grenzübergreifende Performances vermieten. Man kann auch Firmen-Events hier machen. Aber hauptsächlich wird es Theater sein. Und wir wollen auch mit den anderen Events erst ab 2026 anfangen. Wir wollen erst einmal das Theater etablieren. Die Marke des Theaters soll korrekt aufgebaut werden.
Irina Wolf: Ich hatte gelesen, dass es auch einen Studiosaal gibt?
Tiberiu Mercurian: Ja, er befindet sich über diesem großen Saal. Leider können wir zur Zeit nicht hinein, weil da schon Schauspieler mit Regisseur Ştefan Lupu proben. Der Saal oben ist genauso groß wie dieser, also 7,5 mal 14 Meter, aber nur 4,5 Meter hoch.
Irina Wolf: Und dort kann man auch spielen?
Tiberiu Mercurian: Ja, man kann auch spielen. Dort sind aber noch keine Sessel drinnen, aber es gibt ein Sessel-System, das auch mobil ist.
Irina Wolf: Also man kann den Saal auch anders gestalten? Hier unten auch?
Tiberiu Mercurian: Das ist mühsam, aber man kann das machen. Oben passen um die 70 Leute hinein. Diese Zahlen sind auch gemäß dem Brandschutzgesetz, wegen den Genehmigungen. Wir werden das erste Theater in Bukarest sein, das alle Genehmigungen hat. Damit werden wir werben. Das ist der Vorteil, wenn man ein Gebäude von Null aufbaut.
Irina Wolf: Also von Null ist wirklich fantastisch, wenn man sich das hier anschaut.
Tiberiu Mercurian: Ja, Sie müssen bedenken, dass dieses erst das vierte Theater ist, das aus Privatinitiativen in Rumänien entstanden ist. Das erste wurde Anfang des 20. Jahrhunderts in Turnu Severin von Theodor Costescu gebaut, das zweite zwischen den beiden Weltkriegen in Focşani von Major Gheorghe Pastia, das dritte 1946 in Bukarest vom Vater des Regisseurs Liviu Ciulei. Er war Bauunternehmen und hat den Wohnblock gebaut, in dem heutzutage das Theater noch vorhanden ist. Das Gebäude war geplant für Notare. Unter dem Hauptsaal hat Liviu Ciuleis Vater den kleinen Saal des Nottara-Theaters für seinen Sohn gebaut. Damals hieß es Odeon-Theater. Es wurde später in Nottara umbenannt und 1946 eingeweiht. Griviţa53 ist eigentlich das erste Theater, das mit Hilfe der Allgemeinheit gebaut wurde. Laut unserem Wissen gibt es auch in Europa wenige Theater oder kaum noch ein anderes Theater, das so errichtet wurde.
Irina Wolf: Hatten Sie mehr Unterstützung von der Theaterbranche oder von der Allgemeinheit insgesamt?
Tiberiu Mercurian: Das war unterschiedlich. Jeder hat seinen Gefühlen entsprechend vibriert. Es haben viele Schauspieler mitgemacht. Man kann das auch auf unserer Webseite nachvollziehen (https://www.grivita53.ro/). Da sind Fotos von den unterschiedlichen Kampagnen, zum Beispiel vom Märzchen-Verkauf im Muzeul Ţăranului Român (Anm. d. Ü. das Museum des rumänischen Bauers). Es waren sehr viele Kampagnen, unter anderem die bunten Ostereier, bei denen sich viele Schauspieler und Regisseure beteiligt haben. Auch aus unterschiedlichen Branchen, Sportler, Trainer, Leute aus der Filmindustrie, nicht nur aus der Theaterbranche. Es war eine offene Einladung für Menschen, die etwas unternehmen und beitragen wollten. Es ist eine schöne Geschichte. Jedes Mal, wenn wir uns die Fotos anschauen, von wo wir angefangen haben und wo wir angekommen sind, ist es eine ganz schöne Geschichte.
Irina Wolf: Da können Sie wirklich stolz sein.
Tiberiu Mercurian: Sind wir auch. Obwohl wir uns noch keine Zeit genommen haben, das alles zu genießen. Das wird erst nach der ersten Produktion passieren, zu Weihnachten. Wir haben immer gesagt: Jetzt haben wir ein Gebäude, ein richtiges Theater werden wir ab Dezember haben. 2016 haben wir im Sommer dieses Grundstück gekauft und das Projekt veröffentlicht. Das wären dann insgesamt neuneinhalb Jahre.
Irina Wolf: Vielen Dank für das Interview!

Vorhang auf für Showcase aus Rumänien. Interdisziplinäres Programm mit Schauspiel, Tanz und Diskussionsrunden
Irina Wolf
(29. November 2021)
Als erster rumänischer Showcase präsentierte sich INDEPENDENT EXTERIOR in diesem Jahr ausschließlich online. Vom 3. bis 7. November stellte es fünfzehn erlesene Theater- und Tanzproduktionen der Bukarester unabhängigen Szene vor. Ein weiteres Vorhaben der Organisatoren war es, zehn Veranstaltungsorte und -institutionen der Freien Szene einem internationalen Publikum bekannt zu machen. „INDEPENDENT EXTERIOR hat sich vorgenommen, eine Präsentationsplattform zu sein, die auf internationaler Ebene Künstler, Produktionen und Institutionen der rumänischen unabhängigen Performance-Branche fördertˮ, sagt Theaterregisseurin und Dramatikerin Catinca Drăgănescu, in deren Händen die künstlerische Gesamtleitung des Showcases liegt. Dass sich die erste Auflage nur auf die rumänische Hauptstadt konzentrierte, hat finanzielle Gründe, sei man doch bestrebt, in den nächsten Ausgaben das ganze Land abzudecken.

Austragungsorte, NGOs, Vereine, Festivals – eine Vielfalt von Produzenten
Ausgewählt wurden die Beiträge von der Theaterjournalistin, Übersetzerin und Kuratorin Raluca Rădulescu. „Die rumänische unabhängige Theaterszene hat eine fast 25-jährige Geschichteˮ, sagt Rădulescu und meint, dass in Bukarest die Zahl der Freien Theater fast so hoch wie die der staatlich geförderten sei. Unter der Auswahl der Veranstaltungsorte finden sich unter anderem zentral gelegene private Theater wie das LUNI-Theater@Green Hours (Anm.d.A.: das Montag-Theater), Apollo111i und unteatruii wieder, aber auch solche, die sich außerhalb der Stadtmitte befinden, zum Beispiel das Replika-Zentrum für Bildungstheater oder das Apropo-Theater. Letzteres ist seit 2018 der einzige Austragungsort im wichtigen Industrie- und Geschäftsviertel Pipera.
INDEPENDENT EXTERIOR hat sich nicht nur dem Theater verschrieben. „In den letzten Jahren erlebte der zeitgenössische Tanz in der Bukarester Freien Szene einen regelrechten Boomˮ, sagt Rădulescu. Tanzaufführungen werden in Theatern produziert (z.B. im unteatru und Apropo-Theater) oder in tanzspezifischen Räumlichkeiten wie Linotip. Performative Kunst wird im Allgemeinen auch von NGOs wie Dialectic Center und Tangaj Collective oder Festivals (z.B. Caleido) gefördert. Einen gesonderten Platz nimmt der Verein der Großzügigkeitsoffensive ein, der seit 2013 die „Saison des Politischen Theatersˮ an verschiedenen Orten austrägt.
All die unabhängigen Theaterunternehmen und -gruppen setzen wichtige Impulse für Innovationen und Experimente in Kunst und Kultur. Besonders auffallend ist dabei, dass sämtliche Vereine und Spielstätten erst im letzten Jahrzehnt gegründet wurden. Eine Ausnahme bildet das LUNI-Theater, das 1997 als erster privater Austragungs- und Produktionsort in der Jazz-Bar „Green Hoursˮ ins Leben gerufen wurde. Viele der ästhetischen Neuerer und jungen Talente, die in diesem Jahrhundert das rumänische Theater belebt haben, wurden im intimen Kellertheater von der Presse entdeckt.
ii siehe auch http://www.aurora-magazin.at/medien_kultur/cintec_unteatru_frm.htm

Frausein im Wandel der Zeit
Migration, Feminismus, Mängel im Gesundheitswesen sind nur einige der Themen, die die Aufmerksamkeit der Regisseure weckten. So setzte sich unter dem Titel Cassandra Leta Popescui mit dem Zustand der Frau auseinander. Auf humorvoll-ironische Weise untersucht das Stück des Kanadier-Duos Norah Sadava und Amu Nostbakken (Originaltitel „Mouthpieceˮ) die Dualität des Frauengehirns und die Mutter-Tochter-Beziehung. Leta Popescus Inszenierung im Apollo111-Theater überzeugt durch eine körperlich herausfordernde Choreografie. Zum Erfolg der Aufführung tragen auch die zwei hervorragenden Schauspielerinnen und nicht zuletzt ein bemerkenswertes Bühnenbild bei.
Mit der Komplexität des Frauseins beschäftigt sich auch Bildungswoman. Die Produktion des Caleido-Festivals verwebt zwei Texte – den der mexikanischen Dramatikerin Ximena Escalante („Ich schreie von ganzem Herzen auf zum Himmelˮ) und den der nigerianischen Schriftstellerin Chimamanda Ngozi Adichie („Liebes ljeawele: ein weibliches Manifest in 15 Vorschlägenˮ) – mit den persönlichen Geschichten der Regisseurin Elena Morar sowie der zwei Schauspielerinnen miteinander, um unterschiedliche Frauenbeziehungen zu untersuchen. Die effektvolle Performance erkundet in Form einer aufsehenerregenden Collage von Theater- und Filmszenen die weibliche Identität. Mihaela Michailov und Radu Apostol, Gründer des Replika-Zentrums für Bildungstheater, nähern sich dem Thema Muttersein aus ganz unterschiedlichen Perspektiven an. Die One-Woman-Performance Die ganze Stille der Welt in Radu Apostols Regie, der auch für das Licht-Design verantwortlich zeichnet, dokumentiert ein paar Stunden im Leben einer alleinerziehenden Mutter.

Krisen und ihre gesellschaftlichen Folgen
Mutter lautet auch der Titel der Produktion des Dialectic Centers. Doch geht es im Text von Mihai Lukacs mehr um das Leben in einer nach einer Katastrophe neu erfundenen Welt. Nach US-amerikanischem Muster lassen sich die Ursprünge dieses neuen Lebensraums auf Verschwörungen und Geldgier zurückführen. Mihai Lukacs setzt seinen eigenen Text in eine Musiktheater-Performance mit leicht komischen Akzenten um. Die Gospel-ähnlich vorgetragene Musik von Maria Sgârcitu verstärkt auf subtile Weise die Tücken dieser vom spirituellen Kapitalismus geprägten Welt.
Als Gründer des Vereins der Großzügigkeitsoffensive widmet sich Regisseur David Schwartz bereits seit über einem Jahrzehnt wahren Begebenheiten der rumänischen Geschichte. Das zusammen mit Mihaela Michailov geschriebene Stück Erhitzte Köpfe 2020 untersucht die Zerbrechlichkeit des Gesundheitssystems in unserer pandemischen Gegenwart. Dagegen verhandelt Catinca Drăgănescu in Das Kampffeld die Geschichte eines jungen Asiaten, der in Europa ein besseres Leben sucht. Nach „Roveganˮ und „Good for Exportˮ ist die Produktion von unteatru der letzte Teil von Drăgănescus Migrationstrilogiei.

Catinca Drăgănescui beeindruckt mit zwei weiteren außergewöhnlichen Inszenierungen. Zwischen familiärer Bindung und politischem Gewissen schlägt Moskau ruft an einen Blick in die Geschichte des 20. Jahrhunderts vor. Julia Pospelowas Stück untersucht Swetlana Allilujewas Beziehung zu ihrem Vater Josef Stalin, vor dessen Macht sie in die Vereinigten Staaten geflohen war. Drăgănescus szenische Umsetzung im unteatru bietet dem Publikum ein intensives theatralisches Kinoerlebnis, in dem die Kamera zur Hauptfigur und die Rekonstruktion der Wahrheit ein individuell zu lösendes Rätsel werden. Ausgehend von Interviews und dokumentarischem Material präsentiert DISCO '89 – Mihaela Runceanus 7 Todesarten die letzten Tage der bekannten rumänischen Sängerin aus verschiedenen Blickwinkeln, bevor sie zwei Monate vor dem Sturz des Ceauşescu-Regimes in ihrer Wohnung brutal ermordet wurde. Auch diese Produktion des Apollo111-Theaters führt das Publikum in das 20. Jahrhundert zurück und konfrontiert die Zuschauer mit dem perfiden rumänischen Überwachungssystem.

Theaterdebüts, Tanz, Aspekte des Mannseins
Zu den (noch) unbekannten Regisseur:innennamen gehören Andreea Lucaci und Alina Tofan, die im Rahmen des Showcases ihre Debüts vorstellten. Versucht Alina Tofan in Was ist Liebe? Baby, tu mir nicht weh die Liebe zu definieren, widmet sich Andreea Lucaci der Zerstörung unseres Planeten. Letzteres ist eine musikalisch-komische Performance einer Gruppe von frisch gebackenen Absolventen, ausgetragen im LUNI-Theater@Green Hours. Besonders beachtlich ist die Leistung von Alina Tofan, die für Text, Regie und Bühnenbild verantwortlich zeichnet, und zugleich auch in „Was ist Liebe? Baby, tu mir nicht wehˮ mitspielt.
Vier aktuelle Tanzproduktionen waren ebenfalls Teil des Showcases, darunter zwei One-Woman-Tanzshows: Katastrophe von und mit Andreea Gavriliui und Umgekehrter Diskurs von und mit Ioana Marchidan. Die kollektive Kreation Jenseits des Spiegels erforscht mit poetisch-musikalischen Ausdrucksformen das Körperbild in unserer Gesellschaft. Radu Popescu, Gründer und Leiter des Apropo-Theaters, zeichnet für Dramaturgie und Regie verantwortlich. Koproduktionen des zeitgenössischen Tanzes entstehen in Bukarest auch mit Unterstützung des staatlich finanzierten Nationalen Tanzzentrums. Töchter von Simona Deaconescu ist so eine Zusammenarbeit mit Tangaj Collective. In dieser spartenübergreifenden Tanz-Theater-Produktion auf Rollschuhen geht es um das wiederkehrende Thema Frausein und auch um den Generationenkonflikt.
Einen Kontrapunkt zum Feminismus bildet Medea's Boys. Ausgehend von Euripides' Stück, verhandelt Autor Ionuţ Sociu in seiner Dekonstruktion der Argonauten-Legende und der Geschichte des Goldenen Vlieses Männer-Themen wie Verletzlichkeit, Machismo und Frauenfeindlichkeit. Andrei Măjerisii hochgelobte Inszenierung im Apollo111-Theater ist die einzige der im Rahmen des Showcases gezeigten Produktionen, die vor dem Ausbruch der Pandemie entstand.
ii siehe auch https://www.theatrescu.com/projekte/schwerpunkt-rumaenische-zeitgenoessische-regisseure/andrei-majeri-die-gegenwart-der-tragoedie/
Die erste Ausgabe von INDEPENDENT EXTERIOR, eine von Idea77i ins Leben gerufene Präsentationsplattform, zeigte herausragende Arbeiten, die jenseits des klassischen Stadttheaterapparates produziert wurden und dabei vor allem durch ästhetische Alternativen und Ansätze das Theater als Medium getestet, erweitert und befragt haben. Tägliche auf Zoom ausgestrahlte Diskussionen ergänzten das Programm. Weitere Informationen zu INDEPENDENT EXTERIOR gibt es auf der Website https://independentexterior.eu/
zu lesen auch im Aurora-Magazin vom 18.01.2022
i Idea77 ist ein von Catinca Drăgănescu und Alina Dumitrache 2020 gegründeter Verein. Inspiriert von dem humanistischen Manifest Charta77, versuchen die Initiatorinnen dadurch eine ethische Haltung auf die Gesellschaft bzw. auf das Theater zu beziehen.

"Die unabhängige Szene übernimmt in Rumänien wesentliche Aufgaben des kulturellen Lebens"
Interview mit der Theaterkritikerin und -kuratorin Cristina Modreanu
(9. April 2021)
Irina Wolf: Die Corona-Pandemie ist im März 2020 ausgebrochen. Wenn ich mich richtig erinnere, waren Sie zu dem Zeitpunkt in den Vereinigten Staaten von Amerika auf Tournee, um Ihr neues Buch "A History of Romanian Theater from Communism to Capitalism. Children of a Restless Time" zu präsentieren. Bitte erzählen Sie mir mehr über den Inhalt des Bandes und das amerikanische Abenteuer.
Cristina Modreanu: Ja, das stimmt, genau vor einem Jahr befand ich mich in New York, wo die Tournee der Präsentation meines Buches beginnen sollte. Es handelt sich um die erste Publikation in englischer Sprache über das rumänische Theater, herausgegeben vom Routledge-Verlag. Geplant war, das Buch an sechs amerikanischen Universitäten zu präsentieren: zuerst bei der Pace University in New York, dann an der University of Washington in Seattle, der University of California in Irvine, der University of Arizona in Phoenix und dem Ithaca College. Die Tournee hätte an der Harvard University enden sollen, wo das Thema für Geschichtsstudenten auf großes Interesse gestoßen ist. Ich schaffte es nur, mein erstes "Live"-Treffen mit Studenten der Pace University abzuhalten. Die Präsentation an der University of Arizona fand online statt, denn die Studenten befanden sich bereits in Quarantäne, nachdem in den USA und vor allem in Seattle mehrere Corona-Cluster entdeckt worden waren. Alles stand still, überall herrschte Panik und die Campus wurden geschlossen. Das Rumänische Kulturinstitut, mit dem ich einen Vertrag für diese Tournee unterzeichnet hatte, verschwand von der Bildfläche – ein weiteres Zeichen der allgemeinen Verwirrung, die den Beginn der Pandemie kennzeichnete.
Um auf Ihre Frage zurückzukommen: Der Inhalt des Buches entspricht genau dem Titel "A History of Romanian Theatre from Communism to Capitalism. Children of a Restless Time“. Ich habe es "eine Geschichte" und nicht "die Geschichte" genannt, weil es sich um meine Version dieser Geschichte handelt. Übrigens habe ich des öfteren eine subjektive Meinung als fachbezogene Zuschauerin geäußert und gleichzeitig eine sachkundige Perspektive der Entwicklung des rumänischen Theaters in den letzten 30 Jahren seit der Revolution 1989 bis 2019, als ich dem Verlag das Buch vorlegte, geboten.
Es tut mir leid, dass der Band nicht wie geplant ein echtes "amerikanisches Abenteuer" erleben konnte, aber das Wichtigste ist, dass dieses Buch existiert. Es ist die erste Publikation über rumänisches Theater in englischer Sprache und noch dazu erschienen bei einem renommierten Verlag, der in den akademischen Kreisen sehr geschätzt wird. Das Wesentliche ist, dass ich eine Informationslücke über das rumänische Theater geschlossen habe. Das war mein Hauptziel, der Grund, warum ich dieses Buch geschrieben habe, über das ich schon während meines Aufenthaltes als Gastwissenschaftlerin an der New York University dank eines Fulbright-Stipendiums nachgedacht hatte. Damals habe ich darunter gelitten, dass ich meinen Kollegen, die über das rumänische Theater auf Englisch etwas erfahren wollten, nichts empfehlen konnte.
Irina Wolf: In der Zwischenzeit ist ein Jahr vergangen, in dem fast überall auf der Welt Theater mal geschlossen, mal geöffnet werden. Viele Produktionen werden online gezeigt. Was halten Sie als Theaterkritikerin von dieser Situation? Welche rumänische Werke, die während der Pandemie kreiert wurden, würden Sie dem österreichischen Publikum signalisieren?
Cristina Modreanu: Die Dynamik des Schließens und Öffnens von Theatern ist sowohl für Künstler als auch für Zuschauer äußerst frustrierend. Letztere wissen nicht mehr, wann sie etwas sehen können und wann nicht. Einige kaufen Karten, die nutzlos liegenbleiben, andere haben Angst, einen Theatersaal zu betreten... In der Zwischenzeit finde ich es interessant, dass es immer mehr Versuche gibt, Projekte online zu schaffen, und ich spreche nicht nur von Inszenierungen im traditionellen Sinne. Gleichermaßen glaube ich, dass die uninspirierteste Initiative dieses komplizierten Jahres darin bestand, Filmmaterial von schlechter Qualität online verfügbar zu machen, das eigentlich zu Archivierungszwecken und nicht zur Ausstrahlung erstellt wurde. Waren einige europäische Theater besser darauf vorbereitet, Produktionen online anzubieten, weil sie qualitativ hochwertige Aufnahmen besaßen, befanden sich die meisten Theater in Rumänien nicht in dieser Lage. Es dauerte Monate, bis Produktionen speziell für das Internet entwickelt wurden, bis Künstler es verstanden, dass es sich um ein anderes Kommunikationsmedium handelt, das eine andere Konvention zum Publikum voraussetzt. Von den von mir gesehenen Vorstellungen ist mir "Pool.No Water" in guter Erinnerung geblieben (Team: Radu Nica – Andu Dumitrescu – Vlaicu Golcea; Produzent: Ungarisches Staatstheater Klausenburg). Vor Kurzem hatte "Tag Z" Premiere (Regie: Bobi Pricop; Produzent: Staatstheater Constanţa). Dann würde ich noch die Online-Serie "Fragile (fragile.live)" bestehend aus fünf Folgen erwähnen, die fünf weibliche Positionen unserer heutigen Gesellschaft herausstellen. Dieses Projekt wurde in der unabhängigen Szene mit der Schauspielerin Ioana Flora als Leiterin produziert. Sie war schon vor der Pandemie an Theaterfilmprojekten beteiligt, die die feine Grenze zwischen einer Live-Aufführung und der Ausstrahlung einer aufgezeichneten Produktion untersuchten. Ein weiteres interessantes Projekt ist dem neu gegründeten "Unwahrscheinlichen Theater" (Teatrul Improbabil) zuzuschreiben, das drei Audio-Produktionen von neuen Stücken junger Dramatiker erschafft hat. Aus einem mit dem Theater zusammenhängenden Bereich möchte ich das einzigartige Projekt der Bühnenbildnerin Cristina Milea hervorheben. Sie nutzte die Pandemiekrise, um die Überschneidung zwischen Theater, Mode, Fotografie und Ökologie zu untersuchen, indem sie theatralische Kostüme aus wiederverwertbaren Materialien schuf, Kostüme, die von Schauspielerinnen getragen und während aufwendigen Fotosessions fotografiert wurden. Das Ergebnis ist auf der Website "Sarltan.ro" sichtbar. Eine dieser Kreationen findet sich auf den Umschlag der ersten Ausgabe 2021 der Scena.ro-Zeitschrift wieder.
Außerdem habe ich die Möglichkeiten der neuen Online-Szene aktiv getestet, indem ich für die 7. Ausgabe der Bukarester Internationalen Theaterplattform (PITB) das neue Stück von Alexandra Badea, "Red Line", produzierte (Anm. d. Ü.: PITB ist ein Festival, das vom 1. bis 4. Oktober 2020 unter dem Motto "Our House is on Fire" stattgefunden hat). Die Produktion wurde online gezeigt, ebenso wie das gesamte Programm der Plattform. Das Motto wurde durch begleitende Diskussionen hervorgehoben. Das Thema ist 2021 äußerst aktuell und mehr als relevant, denn unser Haus – die Erde als Großes, die Familie im kleinen Rahmen betrachtet – steht fast "in Flammen".
Irina Wolf: Sie sind Gründerin des ARPAS-Vereins, der unter anderem das PITB-Festival und die Scena.ro-Zeitschrift initiiert hat. Wie schreibt man in dieser Katastrophenzeit über Theater?
Cristina Modreanu: Ich möchte Ihre Frage zum Anlass nehmen, um zu sagen, dass ARPAS – Romanian Association for Performance Arts – im März dieses Jahres sein zehnjähriges Jubiläum feiert. Ich habe diesen Verein 2011 gemeinsam mit meinen Kollegen Florentina Bratfanof, Casting-Direktorin, und Ciprian Marinescu, Kurator und Übersetzer neuer Theaterstücke aus dem Deutschen ins Rumänische, gegründet. Im November 2010 endete meine Amtszeit als künstlerische Direktorin des Nationalen Theaterfestivals, während der ich auch den Grundstein für die Zeitschrift der darstellende Künste Scena.ro gelegt hatte. Unser Trio hat sich eine andere Festivalart gewünscht, weniger "festlich", kein "Schaufenster", sondern eine Plattform für einen echten Dialog mit den Zuschauern. Dieser Dialog wird durch die in der Zeitschrift publizierten Artikel fortgesetzt. Er öffnet Wege zu den Theaterszenen weltweit, um Produktionen, die in Rumänien ignoriert werden, bekannt zu machen. Wir konnten uns nicht vorstellen, dass wir uns nach einem Jahrzehnt, in dem wir Dutzende von Projekten und sieben Festivaleditionen organisierten, vier Ausgaben der Zeitschrift pro Jahr sowie andere wichtige Bücher über darstellende Künste ins Rumänische übersetzten und veröffentlichten sowie Kooperationsbeziehungen mit Künstler aus ganz Europa, aus Großbritannien und den USA aufgebaut haben, nun fragen: "Was ist der Sinn des Ganzen?". Unabhängige Organisationen, die Kulturprojekte produzieren, sind in Rumänien immer noch unsichtbar. Es werden weiterhin große Theaterhäuser vom Staat subventioniert, die aus diesem Grund keine Probleme aufwerfen. Diese befassen sich nicht mit problematischen Themen, kritisieren nicht, nehmen keine Position ein, produzieren dafür aber leicht verdauliche Kost und realitätsfremde Inszenierungen. All das scheint niemanden zu stören. Seit Beginn der Pandemie haben unabhängige Künstler alle Unterstützungsnetzwerke verloren, mehrere unabhängige Theater haben sich aufgelöst, andere stehen kurz vor dem Verlust ihrer Spielstätte, weil sie die Miete nicht bezahlen können. Während dieser Zeit erhalten sie nur Zusagen von den Behörden ohne irgendeine Deckung. Zufälligerweise beantworte ich Ihre Fragen am 26. März. Dieser Tag wurde in Rumänien zum #ziuasupravietuirii erklärt (Anm. d. Ü.: #tagdesueberlebens) und ist von Protesten unabhängiger Künstler in mehreren Städten landesweit geprägt.
Um auf Ihre Frage zurückzukommen: Während dieser Zeit schreibe ich über das Theater, indem ich über seine schwerwiegenden Probleme berichte, über die Gefahr, dass diese Kunst in vielen neoliberalen Gesellschaften auf das Niveau der einfachen Unterhaltung reduziert wird, obwohl sie das kritische Denken stärken soll. Ich schreibe darüber, wie wichtig es ist, dass Künstler ihr künstlerisches Bewusstsein bewahren und ihr Talent respektieren sollen, indem sie für die notwendigen Bedingungen kämpfen, um diese zwei Fähigkeiten weiterentwickeln zu können. Ich berichte auch über Produktionen, die während der Pandemie entstanden sind, aber auch darüber, wie Künstler beschlossen haben, ihre Arbeitsweise zu ändern. Veränderungen waren notwendig, wie es im Leben der Fall ist. Nichts kann gleich bleiben, nachdem wir diese Zeit, dessen Ende noch immer nicht in Sicht ist, durchlaufen haben.
Irina Wolf: Die letzte bemerkenswerte Errungenschaft des ARPAS-Vereins ist die Gestaltung des Multimedia-Wörterbuchs des rumänischen Theaters (DMTR). Wie kam dieses Projekt zustande? In welcher Phase befindet es sich, wie viele Phasen sind vorgesehen? Wird es eine Variante des Wörterbuchs auch in einer anderen Sprache als Rumänisch geben?
Cristina Modreanu: Ich hatte dieses Projekt schon länger im Sinn und hatte eine Finanzierung beantragt. Wir erhielten zufällig einen der beantragten Zuschüsse kurz vor Beginn der Pandemie, also nutzten wir den Lockdown, um die ersten 50 Einträge zu erstellen. In der rumänischen Kultur wird seit 30 Jahren über die Notwendigkeit gesprochen, ein Wörterbuch des rumänischen Theaters zu schaffen. Es gab auch einige Versuche, die aber nicht abgeschlossen wurden. Durch die Zusammenarbeit mit meinen Studenten habe ich verstanden, dass sie kein physisches, sondern ein jederzeit online zugängliches Wörterbuch benötigen, um darin nicht nur die Ideen der anderen zu finden, sondern auch Materialien, auf deren Grundlage sie sich ein eigenes Bild über die Vergangenheit des rumänischen Theaters machen können. Für diese Studenten und für die nachfolgenden Generationen haben wir das Multimedia-Wörterbuch des rumänischen Theaters entworfen. Es handelt sich um ein vollständiges Online-Produkt mit dreidimensionalen Einträgen, das bedeutet, dass wir nicht nur Artikel inkludieren, die speziell für Theaterfachleute in Auftrag gegeben wurden, sondern auch Fotos, Poster, Kostüm- und Bühnenbildskizzen, Briefe und andere eingescannte Materialien, Videoclips von Produktionen (falls verfügbar), Links zu Webseiten oder relevante Interviews.
Das Wörterbuch ist in zwei Kategorien unterteilt: Künstler und Inszenierungen. Für die erste Phase haben wir den Zeitraum 1950-1989 gewählt, anschließend werden wir mit der Zeitspanne nach 1990 fortsetzen. Wir stehen noch am Anfang und bereiten währenddessen neue Förderanträge vor. Wir hoffen, in diesem Jahr weitere 50 Einträge erstellen zu können, aber es gibt natürlich noch viel mehr zu erledigen. Es ist also eine langfristige Aufgabe, die wir uns vorgenommen haben. Wenn ich "wir" sage, meine ich ein Team von über 20 Theaterfachleuten jeden Alters aus ganz Rumänien. Einige haben geschrieben, andere haben die Studententeams koordiniert, die Materialien für die technischen Angaben jedes Wörterbucheintrags gesammelt, wiederum andere haben Korrektur gelesen, die Webseite gestaltet, Werbung gemacht oder mehrere Aufgaben gleichzeitig erledigt. Ich habe in diesem Projekt Seite an Seite mit der Professorin und Schriftstellerin Miruna Runcan gearbeitet, die selbst eine angesehene Forscherin der rumänischen Theatergeschichte und deren Beitrag für das Projekt von wesentlicher Bedeutung ist.
Wir hoffen natürlich, dass es eine englische Version von DMTR geben wird, denn dies würde unserer Kultur eine zusätzliche Chance geben, in der Welt bekannt zu werden, aber das hängt von der Finanzierung ab. Ich möchte betonen, dass dieses auch ein unabhängiges Projekt ist, das keine staatliche Unterstützung hat. Die erste Phase war dank eines Zuschusses vom AFCN möglich (Anm. d. Ü.: Verwaltung des nationalen Kulturfonds), ansonsten verfügen wir nur über die logistische und fachspezifische Unterstützung der Babeș-Bolyai-Universität Klausenburg und der Universität der Künste Târgu Mureș, die von Anfang an unsere Partner waren. Ich greife daher auf die Idee zurück, dass die unabhängige Szene wesentliche Aufgaben des kulturellen Lebens in Rumänien übernimmt, durch Bildungsprojekte, durch Kunstinterventionen, durch Gemeinschaftsprojekte, die auch marginalisierten Kategorien eine Stimme verleihen und nicht zuletzt durch Projekte zur Aufbewahrung von Archiven wie dieses Multimedia-Wörterbuch. Trotz allem wird unsere Arbeit nicht anerkannt und nicht gewürdigt, obwohl subventionierte Institutionen nicht in der Lage sind, diese zu machen, auch wenn sie über viel mehr Personal und finanzielle Ressourcen verfügen. Dieses Paradoxon definiert ein altes, eingerostetes Kultursystem, das aufgrund der fehlenden Reformen nur schwer funktioniert, aber angesichts der Unfähigkeit der rumänischen Behörden, die Realität zu verstehen und Prioritäten zu setzen, widerstandsfähig gegen jede Änderung ist. Dieses Paradoxon ist das Herzstück des Stillstands der heutigen rumänischen Kultur.
(aus dem Rumänischen von Irina Wolf)
zu lesen auch im Aurora-Magazin, 29. Juni 2021